Mittwoch, 2. März 2011
Warum Guttenberg das Ende der Netzgemeinde einläutet
klardeutsch, 12:27h
Die Facebook-Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“ wird vermutlich noch im Laufe der nächsten Stunden 350.000 Anhänger finden. Zugleich zeigt sich die überwiegende Mehrheit der Twitterer ablehnend gegenüber Karl-Theodor zu Guttenberg.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Plagiatsaffäre spiegelt zum einen die unterschiedliche soziodemographische Struktur der jeweiligen sozialen Netzwerke wider. Twitter ist letztlich das Kommunikationsinstrument einer intellektuellen Minderheit, Facebook hingegen Kommunikation der Massen. Die Tweets sind in vielen Fällen wohlformulierte, korrekt geschriebene kleine Aphorismen. Die Mehrheit der Facebook-Einträge strotzt vor Rechtschreibfehlern. In einigen von ihnen ist kaum ein einziges Wort richtig geschrieben, was an sich wieder ein Hinweis auf den Grund der Akademikerverachtung sein kann, die in vielen Beiträgen zum Ausdruck kommt.
Diese offensichtlichen Unterschiede zerstören zugleich einen Mythos, den viele Internet-Apologeten lange gepflegt haben und den sie noch im Hinblick auf die Revolutionen in Tunesien und Ägypten bestätigt sahen. Jetzt hingegen wird deutlich: Es gibt keine Netz-Community.
Noch als es gegen Ursula von der Leyen ging, wurde die Illusion geschürt, im Netz artikuliere sich eine große Familie, die – von kleinen Hakeleien abgesehen – im Großen und Ganzen einer Meinung ist. „Das Netz“ wende sich gegen Zensurbestrebungen der Ministerin, hieß es. Und immer wieder wurde bei großen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen gefragt, was denn „das Netz“ denke. „Das Netz“ denkt aber überhaupt nicht – es ist schließlich nur genau das: ein Netz, eine Verknüpfung von vielen Menschen, die ganz unterschiedliche Interessen verfolgen und Ansichten haben.
Je größer die Partizipation aller Bevölkerungsschichten im Netz wird, desto deutlicher wird dies. Es kann sein, dass sich die Interessen in einem Moment auf Freiheit und Befreiung von der Diktatur richten. Es kann genauso gut geschehen, dass – wie in Pakistan – die Kommunikationsmittel des Internets genutzt werden, um den Mord an liberalen Politikern zu feiern und die Talibanisierung der Gesellschaft in die Wege zu leiten.
Und wenn die Gesellschaft, wie im Falle Guttenberg, gespalten ist, dann ist es eben auch die Netzgemeinde. Das ist nicht weiter schlimm, solange die zivilen Anstandsformen der Kommunikation gewahrt werden; es ist vielmehr sogar folgerichtig. Es dürfte aber enttäuschend sein für viele, die vom Internet das Heraufdämmern einer neuen, besseren Gesellschaft erwartet hatten.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Plagiatsaffäre spiegelt zum einen die unterschiedliche soziodemographische Struktur der jeweiligen sozialen Netzwerke wider. Twitter ist letztlich das Kommunikationsinstrument einer intellektuellen Minderheit, Facebook hingegen Kommunikation der Massen. Die Tweets sind in vielen Fällen wohlformulierte, korrekt geschriebene kleine Aphorismen. Die Mehrheit der Facebook-Einträge strotzt vor Rechtschreibfehlern. In einigen von ihnen ist kaum ein einziges Wort richtig geschrieben, was an sich wieder ein Hinweis auf den Grund der Akademikerverachtung sein kann, die in vielen Beiträgen zum Ausdruck kommt.
Diese offensichtlichen Unterschiede zerstören zugleich einen Mythos, den viele Internet-Apologeten lange gepflegt haben und den sie noch im Hinblick auf die Revolutionen in Tunesien und Ägypten bestätigt sahen. Jetzt hingegen wird deutlich: Es gibt keine Netz-Community.
Noch als es gegen Ursula von der Leyen ging, wurde die Illusion geschürt, im Netz artikuliere sich eine große Familie, die – von kleinen Hakeleien abgesehen – im Großen und Ganzen einer Meinung ist. „Das Netz“ wende sich gegen Zensurbestrebungen der Ministerin, hieß es. Und immer wieder wurde bei großen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen gefragt, was denn „das Netz“ denke. „Das Netz“ denkt aber überhaupt nicht – es ist schließlich nur genau das: ein Netz, eine Verknüpfung von vielen Menschen, die ganz unterschiedliche Interessen verfolgen und Ansichten haben.
Je größer die Partizipation aller Bevölkerungsschichten im Netz wird, desto deutlicher wird dies. Es kann sein, dass sich die Interessen in einem Moment auf Freiheit und Befreiung von der Diktatur richten. Es kann genauso gut geschehen, dass – wie in Pakistan – die Kommunikationsmittel des Internets genutzt werden, um den Mord an liberalen Politikern zu feiern und die Talibanisierung der Gesellschaft in die Wege zu leiten.
Und wenn die Gesellschaft, wie im Falle Guttenberg, gespalten ist, dann ist es eben auch die Netzgemeinde. Das ist nicht weiter schlimm, solange die zivilen Anstandsformen der Kommunikation gewahrt werden; es ist vielmehr sogar folgerichtig. Es dürfte aber enttäuschend sein für viele, die vom Internet das Heraufdämmern einer neuen, besseren Gesellschaft erwartet hatten.
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mark793,
Mittwoch, 2. März 2011, 13:10
Ich denke, Ihre Analyse
trifft in weiten Teilen zu - aber wäre es dann nicht auch naheliegend, das Konstrukt der "Netzgemeinde" auch gleich in den Orkus zu schicken? Eine Gemeinde bildete das Netz wenn überhaupt vielleicht zuletzt zu seligen Usenet-Zeiten.
Ich teile Ihre Skepsis bezüglich der überschätzten Rolle des Internets bei den Umwälzungen in Tunesien und Agypten durchaus, würde das aber nicht so ohne weiteres auf die Causa Guttenberg übertragen. Auch wenn letztlich der schwindende Medienrückhalt (FAZ etc.) des Ministers schwerer gewogen haben mag als die emsige Plagiatstellen-Sammelei im Netz, würde ich letzteren Faktor doch mit als mit ausschlaggebend dafür werten, dass das mediale Meinungsklima kippte. Nachdem von Stunde zu Stunde der Prozentsatz der geklauten Anteile in der Dissertation in immer neue Höhen kletterte, war Business as Usual und Zuwarten irgendwann keine ernsthafte Option mehr.
Ansonsten haben Sie natürlich recht - wenn ein Politiker so polarisiert, dann ist natürlich auch die Netzöffentlichkeit gespalten. Und ich stimme Ihnen darin gerne zu, dass das auch in Ordnung geht, auch wenn es der eine oder andere Netzromantiker lieber anders sähe.
Ich teile Ihre Skepsis bezüglich der überschätzten Rolle des Internets bei den Umwälzungen in Tunesien und Agypten durchaus, würde das aber nicht so ohne weiteres auf die Causa Guttenberg übertragen. Auch wenn letztlich der schwindende Medienrückhalt (FAZ etc.) des Ministers schwerer gewogen haben mag als die emsige Plagiatstellen-Sammelei im Netz, würde ich letzteren Faktor doch mit als mit ausschlaggebend dafür werten, dass das mediale Meinungsklima kippte. Nachdem von Stunde zu Stunde der Prozentsatz der geklauten Anteile in der Dissertation in immer neue Höhen kletterte, war Business as Usual und Zuwarten irgendwann keine ernsthafte Option mehr.
Ansonsten haben Sie natürlich recht - wenn ein Politiker so polarisiert, dann ist natürlich auch die Netzöffentlichkeit gespalten. Und ich stimme Ihnen darin gerne zu, dass das auch in Ordnung geht, auch wenn es der eine oder andere Netzromantiker lieber anders sähe.
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klardeutsch,
Mittwoch, 2. März 2011, 14:27
Die Rolle des Netzes bei Guttenberg
Vielen Dank für die Zustimmung. Und selbst da, wo Sie mir widersprechen, handelt es sich eher um ein Missverständnis. Ich bin durchaus der Meinung, dass das Netz eine wichtige Rolle im Fall Guttenberg gespielt hat, neben vielen anderen Dingen.
Es zeigte sich dabei, wo das Netz in der Tat am stärksten ist. Nämlich nicth dabei, Emotionen zu artikulieren - das wirkt eher abschreckend -, sondern Wissen zusammenzutragen. Die Suche nach so vielen Plagiatsstellen hätte vermutlich Einzelne ebenso überfordert wie eine Software.
Es zeigte sich dabei, wo das Netz in der Tat am stärksten ist. Nämlich nicth dabei, Emotionen zu artikulieren - das wirkt eher abschreckend -, sondern Wissen zusammenzutragen. Die Suche nach so vielen Plagiatsstellen hätte vermutlich Einzelne ebenso überfordert wie eine Software.
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der zensor,
Samstag, 2. Februar 2013, 07:43
"Die Tweets sind in vielen Fällen wohlformulierte, korrekt geschriebene kleine Aphorismen."
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Das bezweifel ich aber stark.
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Das bezweifel ich aber stark.
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