Montag, 5. Juli 2010
Robert Basics Irrtum - Eine Replik auf die Spitzen des Fortschritts
klardeutsch, 13:55h
Leser sind offenbar ein schrecklicher Störfaktor, wenn sich Blogger und Journalisten über die Zukunft der Publizistik streiten. In Robert Basics Verteidigung des Welt kompakt-Experiments findet sich ein bemerkenswerter Satz:
„Ich erwarte nicht von einem Welt Kompakt Leser die Bedeutung dieses Experiments zu erkennen.“ http://bit.ly/9THouo
Sollte das wirklich der Unterschied zwischen einem professionellen Journalisten und einem deutschen Blogger sein, dann zeigt diese Bemerkung die ganze Misere der deutschen Blogszene. Mitbloggerin Rose Jakobs sieht es übrigens ähnlich: „Am Ende ist es wirklich traurig, wie unflexibel und konservativ viele Leser der Welt Kompakt zu sein scheinen.“
Mit anderen Worten: Die Leser sind zu doof, unsere Genialität und Fortschrittlichkeit zu erkennen. Mag vielleicht sogar sein (ich halte es auch unten aufgeführten Gründen für extrem unwahrscheinlich). Manche Pioniere sind am Anfang verkannt worden. Aber genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Produkt, das am Ende Käufer finden muss, weil es sich finanzieren muss, und irgendeiner Befindlichkeitsschreiberei als Hobby oder für einen Nischenmarkt.
Roberts Argumentation spiegelt diesen Unterschied ebenso wider: Wir Blogger sind die Spitze des Fortschritts, so liest man auch in seinem Beitrag. Wer mit uns reden will, der muss zunächst einmal diese Prämisse akzeptieren. Wer anders denkt als wir (oder ein paar traditionelle journalistische Tugenden wie Recherche verteidigt), ist irgendwie von vorgestern. Wer die Prämisse nicht akzeptiert, ist offenbar nicht satisfaktionsfähig.
Robert schreibt, wir alle hätten die Tragweite der neuen Informationswelten noch nicht begriffen. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Ich habe selbst vor einigen Wochen mit Verantwortlichen der Axel-Springer-Akademie sprechen können. Dort hat man sehr wohl die Tragweite der Veränderung begriffen. Das heißt aber nicht, dass man zu den gleichen Schlüssen kommen muss wie Robert.
Dummerweise erweisen sich nämlich auch viele Leser als von vorgestern. Mir scheint übrigens, dass die wirklich erfolgreichen Blogs in den USA längst erkannt haben, dass ihre Autoren für die Leser schreiben und nicht für sich selbst.
Erinnert sich noch jemand an die handgestrickten Stadt- und Stadtteilzeitschriften der 1980er Jahre? Die waren voll mit solchen Texten, wie man sie heute in den angeblichen Alpha-Blogs zu oft noch findet. Interpunktion und Rechtschreibung, klare Gedankenführung, sprachliche Verständlichkeit und Recherche galten auch damals als reaktionäre Elemente des bürgerlichen Journalismus, den es zu überwinden galt.
Die wenigen Stadtzeitschriften , die überlebt haben, sind heute anständige journalistische Produkte – ziemlich bürgerlich.
Ja, die Medienwelt wird sich verändern. Der Journalismus steht vor der Herausforderung, die Technik zu meistern, die Kommunikation mit dem Leser, die Pluralität der Quellen und die Geschwindigkeit der Übermittelung. Das sind aber professionelle Herausforderungen. Die Zukunft liegt nicht im deutschen Blogwesen, nämlich bei einem Latte Macchiato zu sitzen, über die Welt zu sinieren und das dann irgendwie runterzuschreiben.
P.S. Nein, niemand muss seine Urlaubspostkarte schreiben wie Günter Grass einen Roman, wie einer der Kommentatoren empört angemerkt hat. Aber er schreibt eben auch nur eine Urlaubspostkarte, die sich an Tante Helga und Onkel Herbert richtet. Das ist völlig in Ordnung. Wer für seine Urlaubspostkarte aber den Literaturnobelpreis erwartet oder glaubt, er könnte als Urlaubspostkartenschreiber ja mal für ein paar Tage die Rolle eines Literaturnobelpreisträgers einnehmen, oder seine Urlaubspostkarte sei die Zukunft der Literatur, der irrt gewaltig.
„Ich erwarte nicht von einem Welt Kompakt Leser die Bedeutung dieses Experiments zu erkennen.“ http://bit.ly/9THouo
Sollte das wirklich der Unterschied zwischen einem professionellen Journalisten und einem deutschen Blogger sein, dann zeigt diese Bemerkung die ganze Misere der deutschen Blogszene. Mitbloggerin Rose Jakobs sieht es übrigens ähnlich: „Am Ende ist es wirklich traurig, wie unflexibel und konservativ viele Leser der Welt Kompakt zu sein scheinen.“
Mit anderen Worten: Die Leser sind zu doof, unsere Genialität und Fortschrittlichkeit zu erkennen. Mag vielleicht sogar sein (ich halte es auch unten aufgeführten Gründen für extrem unwahrscheinlich). Manche Pioniere sind am Anfang verkannt worden. Aber genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Produkt, das am Ende Käufer finden muss, weil es sich finanzieren muss, und irgendeiner Befindlichkeitsschreiberei als Hobby oder für einen Nischenmarkt.
Roberts Argumentation spiegelt diesen Unterschied ebenso wider: Wir Blogger sind die Spitze des Fortschritts, so liest man auch in seinem Beitrag. Wer mit uns reden will, der muss zunächst einmal diese Prämisse akzeptieren. Wer anders denkt als wir (oder ein paar traditionelle journalistische Tugenden wie Recherche verteidigt), ist irgendwie von vorgestern. Wer die Prämisse nicht akzeptiert, ist offenbar nicht satisfaktionsfähig.
Robert schreibt, wir alle hätten die Tragweite der neuen Informationswelten noch nicht begriffen. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Ich habe selbst vor einigen Wochen mit Verantwortlichen der Axel-Springer-Akademie sprechen können. Dort hat man sehr wohl die Tragweite der Veränderung begriffen. Das heißt aber nicht, dass man zu den gleichen Schlüssen kommen muss wie Robert.
Dummerweise erweisen sich nämlich auch viele Leser als von vorgestern. Mir scheint übrigens, dass die wirklich erfolgreichen Blogs in den USA längst erkannt haben, dass ihre Autoren für die Leser schreiben und nicht für sich selbst.
Erinnert sich noch jemand an die handgestrickten Stadt- und Stadtteilzeitschriften der 1980er Jahre? Die waren voll mit solchen Texten, wie man sie heute in den angeblichen Alpha-Blogs zu oft noch findet. Interpunktion und Rechtschreibung, klare Gedankenführung, sprachliche Verständlichkeit und Recherche galten auch damals als reaktionäre Elemente des bürgerlichen Journalismus, den es zu überwinden galt.
Die wenigen Stadtzeitschriften , die überlebt haben, sind heute anständige journalistische Produkte – ziemlich bürgerlich.
Ja, die Medienwelt wird sich verändern. Der Journalismus steht vor der Herausforderung, die Technik zu meistern, die Kommunikation mit dem Leser, die Pluralität der Quellen und die Geschwindigkeit der Übermittelung. Das sind aber professionelle Herausforderungen. Die Zukunft liegt nicht im deutschen Blogwesen, nämlich bei einem Latte Macchiato zu sitzen, über die Welt zu sinieren und das dann irgendwie runterzuschreiben.
P.S. Nein, niemand muss seine Urlaubspostkarte schreiben wie Günter Grass einen Roman, wie einer der Kommentatoren empört angemerkt hat. Aber er schreibt eben auch nur eine Urlaubspostkarte, die sich an Tante Helga und Onkel Herbert richtet. Das ist völlig in Ordnung. Wer für seine Urlaubspostkarte aber den Literaturnobelpreis erwartet oder glaubt, er könnte als Urlaubspostkartenschreiber ja mal für ein paar Tage die Rolle eines Literaturnobelpreisträgers einnehmen, oder seine Urlaubspostkarte sei die Zukunft der Literatur, der irrt gewaltig.
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