Freitag, 2. Juli 2010
Was Deutschlands Blogger tun müssen, um nicht bedeutungslos zu werden
Seit rund 15 Jahren analysiere und kritisiere ich in Seminaren Texte von Journalisten. Ich habe von den Kollegen schon viele gute und weniger gute Argumente gehört, warum ein Text mißraten ist. Für einige habe ich Verständnis. Aber folgendes Argument hat sich noch nie ein Journalist in meinen Seminaren getraut vorzubringen:

„Schon mal darüber nachgedacht, dass man viel Arbeit in so eine Geschichte investiert? Hallo? Ich habe eine dreiwöchige Reise für diese Geschichte gemacht. Etc. PP.“
http://bit.ly/aiVh8h

Es stammt von der Bloggerin Rose Jakobs, die sich gegen einen völlig gerechtfertigten Verriss ihres Provinzfeuilletongeschwafels verwahrt ( http://bit.ly/91C9wN ). Unter anderem mit diesen Worten:

„so ein technikfritze ist also der meinung, er sitzt so weit oben auf dem thron, dass er entscheiden vermag, was eine gute oder eine schlechte LESEGESCHICHTE IST?“

Jeder Journalist lernt: Der Leser ist der einzig berechtigte Richter über eine Geschichte. Die Geschichte von Rose ist in jener Ausgabe der Welt Kompakt erschienen, die von Bloggern gestaltet wurde. Bei diesem Experiment wurde vor allem eines klar: Journalismus ist ein Handwerk. Man muss (und man kann) lernen, wie gute Texte strukturiert werden, wie man eine Geschichte erzählt, warum es zum Beispiel bei einer Reisegeschichte nicht gut ist, den Reiseweg als roten Faden zu verwenden, warum eine Geschichte einen Küchenzuruf haben muss (damit der Leser am Ende nicht fragt: Was wollte der Autor mir eigentlich sagen?), warum das Aneinanderkleben von Phrasen nur Nachdenklichkeit suggeriert, aber einen klugen Gedanken nicht ersetzen kann, wie man durch das Auftreten von Menschen Spannung erzeugt, wie die Dramaturgie einer Geschichte funktioniert (dass es überhaupt einer bedarf) … kurzum, man kann sehr gut erlernen, warum die Geschichte der Bloggerin Rose Jacobs aus handwerklichen Gründen schlechter Journalismus ist – und dass man so etwas nach professionellen Gesichtspunkten beurteilen kann. Im Zweifel bekommen Print-Journalisten heute eine Readerscan-Untersuchung unter die Nase gehalten, die zeigt, dass die meisten Leser nach dem zweiten Absatz ausgestiegen waren.

Sind wir zu streng? War die Welt kompakt, gemacht von Bloggern, nur eine böse Falle des Springer-Verlages, um zu beweisen, dass Blogger keine Zeitung machen können. Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist): Kein Blogger wurde gezwungen, eine Zeitung zu machen. Sie haben es freiwillig gemacht, sogar dreiwöchige (!) Recherchereisen durchs Land unternommen. Umso trauriger, dass für das Ergebnis ein Tag gereicht hätte, schließlich hat die Autorin offensichtlich mit keiner einzigen Person gesprochen, hat kein einziges Faktum recherchiert – um nur zwei professionelle Kriterien zu nennen.

Rose, die den Journalismus laut Selbstbeschreibung „von der Pike auf“ gelernt hat, muss bei der Ausbildung in der WAZ-Gruppe etwas verpasst haben. ( http://gesellschaftistkeintrost.wordpress.com/about/ ) Angeblich sei am Tag vorher nichts geschehen. So sei halt die Nachrichtenlage gewesen. Die Agenturen hätten auch nichts gebracht. Was offenbar als ein guter Grund anzusehen ist, einen schlechten Text zu veröffentlichen. Man hätte natürlich auch die drei Wochen nutzen können, um eine Geschichte zu RECHERCHIEREN – das Wort scheint für die betroffenen Blogger ein Fremdwort zu sein.

Was also bleibt? Roses Fazit:

„Vielleicht noch mit ein paar guten Bloggern mehr, in Form eines Projektes über drei Tage. Einen Tag als Schreibakademie. Und dann zwei Tage hart durch ziehen. Eine richtige Zeitung machen. Würden wir schaffen.“

Immerhin gesteht die Autorin ein, dass man Schreiben lernen kann (und nicht einfach nur was aus Talent und guter Laune hinrotzen muss), denn sonst würde eine Schreibakademie keinen Sinn machen.

Und dann? Nehmen sich die Meisterblogger ZWEI Tage Zeit, um eine gute Tageszeitung (!) zu machen.

Die Debatte um das Welt Kompakt-Experiment zeigt vor allem eines: Die Bloggerszene wird sich entscheiden müssen, ob sie weiterhin recherchefreies Runterschreiben von dem, was man gerade so beim Dörferdurchfahren denkt, für ihre Aufgabe hält. Dann wird sie bedeutungslos werden, denn das machen dann alle anderen bei Facebook für ihre zwei, drei Handvoll Freunde auch.

Oder sie erkennt an, dass Schreiben für ein großes Publikum Handwerk ist, dass es handwerkliche Regeln für Lesegeschichten gibt und dass vor dem Schreiben die Recherche steht. Dann werden sie – Journalisten.

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Beleidigungswettstreit
Fürchten Journalisten schon so sehr um ihren Job?

Es sieht danach aus. Zugegeben überall werden auch Stellen gestrichen, die Gehälter gekürzt und die Tagessätze freier Mitarbeiter sinken.

Trotzdem ist das nun auch kein Grund, in einen Beleidigungswettstreit einzusteigen. Ja, Journalisten machen Zeitungen. Blogger können es nicht (jedenfalls dann nicht, wenn sie nicht darauf vorbereitet sind und man ihnen auch nicht den Auftrag gibt, eine Zeitung zu machen).

Können wir uns dann vielleicht wieder beruhigen? Die Aussicht ist doch auch viel schöner vom Elfenbeinturm aus.

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Ganz so einfach ist es nicht. Wer sein Handwerk versteht, muss nicht gleich zum Journalisten mutieren. Warum muss denn ein Text nach den Regeln der Kunst aufgebaut sein? Schreiben ist auch Kreativität.

Daher würde ich die Ausgangsfrage: "Was Deutschlands Blogger tun müssen, um nicht bedeutungslos zu werden" mit "Professionalisierung" beantworten. Dabei geht es nicht ums Geld oder um den Vergleich mit Journalisten. Entscheidend sind Einstellung und Anspruch. Wenn der bei den Welt kompakt Bloggern vorhanden gewesen wäre, hätte das ein Desaster für die Redaktion gegeben. Mit der Massgabe eingeladen zu werden, eine Zeitung zum machen und dann um 11:30 Uhr locker auf einem Sektempfang zu landen, auf dem erklärt wird, keine bange, die Zeitung ist fertig und ein lustiges, aber unlesbares Layout haben wir uns auch einfallen lassen. Das hätte jemand mit professioneller Einstellung nicht mit gemacht.

Gerade "Amateure" sollten diesen Anspruch mitbringen. Wenn ich in meiner kargen Freizeit ein Blog fülle, dann will ich auch das Beste produzieren. Stattdessen sind Blogs in Deutschland zu oft Ego-Trips. Kein Wunder, wenn Kritik dann gleich persönlich aufgefasst wird. Denn es geht eben nicht darum, besser zu bloggen, Leser zu interessieren, für ein Thema zu brennen, sondern lediglich um die Abrundung des Selbstimages. Schön sieht man das en den beliebten Blog/Twitter-Rankings, die es in dieser Form und Fülle in anderen Ländern kaum gibt. Jetzt wo alle ihre Flattr-Einnahmen rausposaunen, wird es sicher bald ein "Flattr-Ranking" geben (mit extra RSS-feed für die Finanzämter ...). Die Flattr-Einnahmen interessieren keinen Leser (ausser die Finanzbeamten unter diesen) und dienen nur dem Schwanzvergleich. Noch ein Indiz dafür: Bloggen unter Pseudonym und Bloggen auf einer Plattform wie blogger.de - und nicht auf eigener domain mit wordpress - wird hierzulande seltener prakiziert, als in anderen Ländern. Nach meiner Meinung zeigt das, dass Selbstvermarktung und Netzwerken zu oft die Hauptmotivation sind - und nicht Texte, Themen und Leser.

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Weil es keine Kunst ohne Handwerk gibt
Die erste Frage lässt sich leicht beantworten. Natürlich hilft Kreativität und Talent, aber sie reichen nicht. Man schaue sich eine Manuskriptseite des hochtalentierten Franz Kafka an - da ist unendlich herumgestrichen, bearbeitet, verarbeitet worden, natürlich auch gelernt von und gewachsen an anderen Autoren. Kafka ist sicherlich ein Beispiel für die unerbitterlichste Selbstkritik, der sich jeder Autor stellen muss, wenn er gut werden will. Und ein bisschen Kritik von außen kann auch nie schaden.

Hätte unsere Mannschaft vor wenigen Minuten gegen Argentinien so eindrucksvoll gewonnen, wenn sie nur kreativ gewesen wäre? Nein, sie beherrscht zudem das Handwerk des Fussballs. Andernfalls wäre sie bedeutungslos

Deshalb stimme ich dampfbadbider voll zu. Natürlich dürfen sich Blogger die ganze Zeit selbst bespiegeln, schlechte Texte schreiben und am Ende die ach so verständnislosen Leser als Idioten beschimpfen. Dann ist es eben ein Hobby, und sie selbst bleiben bedeutungslos.

Der Rest ist Semantik. Für mich ist nichtliterarisches Schreiben FÜR ein größeres Publikum (und nicht nur für sich selbst) eine Form von Journalismus. Ich würde auch jederzeit selbstbespiegelndes Schreiben von professionellen Journalisten kritisieren.

Im Übrigen sollte klar sein: Textkritik ist Textkritik. Und ein Text, der öffentlich vorgelegt wird, ist jederzeit kritikfähig. Das muss ein Autor ertragen. Sonst sollte er lieber für die Schublade schreiben oder seine Texte bei Facebook nur seinen guten Freunden zugänglich machen.

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Hohes Ross
Ich stimme dem letzten Punkt unumwunden zu.

Selbstbeweihräucherung ist aber ebenso peinlich. Handwerk gut und schön - dennoch kommt es letztlich darauf an, ob der Kunde zufrieden ist. Ich persönlich verklage gerade meinen Gärtner. Und der hätte nicht gegen Argentinien gewonnen.

Für mich bleibt die Kritik kleinkariert, deutsch, klar einer Angstneurose entstammend. Und sie ist nicht schön zu lesen. Dumm 3.1.

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Ich habe mir die Langfassung des Provinzgeschwafels gegeben. Das ist so etwa der grausamste Text, den ich seit langem gelesen habe. Ich lebe auf dem Land in einem Dorf. Die Dame hat weder was verstanden noch konnte sie irgendwas dem Leser rüberbringen.

"Am Anfang fragt man sich nichts, aber spätestens kurz hinter Münster, auf dem Stich rüber ins Weserbergland kommt irgendwie nichts. Nur Dörfer."

"Verlässt man die Kölner Bucht über das Ruhrgebiet, bricht die Zivilistation kurz hinter Marl ab."

"Hinter Celle geht es durch die Lüneburger Heide. Sandwege und endlose Bäume."

"Eingebettet im Nichts liegen sie da, die Dörfer. "

"Was können wir tun, gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden von Dörfern."

Schlimm. Schade, dass man da wie bei Gärtner keinen verklagen kann.

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Dörfer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren
Aber, aber, mal langsam. Der Text enthält doch tief schürfende Erkenntnisse. Ich fasse mal zusammen:

1. Dörfer sind irgendwie anders als Städte. Viel dörflicher.
2. Dörfer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
3. Im Osten Deutschlands sind die Dörfer viel ostdeutscher als im Westen.

Ich glaube, ein wesentliches Problem liegt darin, dass viele Internetautoren überhaupt kaum noch lesen - jedenfalls nichts, was man nicht im Netz schnell überfliegen kann. Wenn man sich schon einen anspruchsvollen Text über Dörfer heute auflädt, dann sollte man bei Autoren wie Claudio Magris (dessen großartiges Donau-Buch ich gerade lese), Karl Schlögel oder Karl-Markus Gauß abgucken, wie man so etwas macht.

Diese Autoren kombinieren Belesenheit, Reflexion, historisches Verständnis mit einem eleganten Stil. Und, was das Wichtigstes ist, sie interessieren sich wirklich für den Gegenstand ihrer Betrachtung. Alles Eigenschaft, die Rose Jakobs Text leider abgehen.

Nun, ich würde ja nicht zu solch drastischen Worten greifen, aber lassen wir die Autorin selber über ihren Text sprechen: "Nennen wir es Hirnfürze." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Ich will ja nicht kleinlich sein...
...aber waren hier nicht einmal mehr Kommentare?

Gab es eine Datenpanne auf dem Server? Wurde jemand verletzt? Es wird ja wohl niemand wagen, in diesem niemals vergessenden Internetz etwas zu löschen.

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Allen geht es gut,
niemand wurde verletzt. Der Server ist wohlauf und kein Kommentar kam zu Schaden. Hier standen nie mehr Kommentare.

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