Dienstag, 29. Juni 2010
Warum wir nicht alle Kellner werden sollten - Eine Erwiderung zur Rolle des Journalismus
Kürzlich war ich mit Freunden in einem Restaurant der „Vapiano-Kette. Es war brechend voll. In diesem Augenblick kamen mir zum ersten Mal Zweifel, ob eine Thesen, die ich in „Dumm 3.0“ vertrete, nicht vielleicht doch falsch sein könnte. Offenbar wollen viele Menschen auf Biegen und Brechen etwas machen, dass ihnen eigentlich Dienstleister abnehmen könnten.

In diesem Falle verzichten sie darauf, sich bedienen zu lassen, sondern stellen sich lieber (bei gleichen Preisen!) in eine lange Schlange und warten in einer unkommunikativen Situation auf ihr Essen.

In einem normalen Restaurant könnten sie schon bequem sitzen und sich mit Freunden unterhalten.
Sollte es mit journalistischen Dienstleistungen genauso kommen? Wollen die Menschen vielleicht gar nicht, dass Journalisten ihnen dabei behilflich sind, die Informationsflut zu bewältigen. Wollen sie alles selber machen – und wenn ja, um Himmels willen, wieso?

Ja, ich bin in diesem Falle wertkonservativ, um eine Charakterisierung von Caspar Clemens Mierau aufzugreifen, die er in einer Besprechung meines Buches „Dumm 3.0“ ( http://bit.ly/96HXFN ) gebraucht hat. Ich fände es schade, wenn die Berufe des Kellners und des Journalisten verschwänden und durch Essensausgeber, Kassierer am Restaurantausgang, durch Inhalteausgeber und Contentmarketingverkäufer ersetzt würden.

Vor allem halte ich es für naiv zu glauben, die Restaurantgäste und die Informationsinteressierten gewönnen durch die neue Situation an Selbstbestimmung, weil sie nicht mehr der Macht von Kellnern und Journalisten ausgesetzt seien. Sie bleiben in beiden Fällen weiterhin Teil eines kommerziellen Systems, hinter dem Macht- oder Profitinteressen stehen.

Für ebenso naiv halte ich zu meinen, wir hätten es im Netz mit einem Ende der Hierarchiestrukturen zu tun. Es wechseln im Zweifel nur die Hierarchen – von den Medienzaren zu den Steve Jobs, Mark Zuckerbergs und den Herren von Google. Das Selbstbild des kleinen Bloggers, der sich nun genauso mächtig fühlt wie Rupert Murdoch ist ein Kindertraum. Im Zweifel dreht ihm Apple einfach den App ab...

Diesem Unbehagen und diesem Widerspruch gegen die Internetapologeten, die das Reich der Freiheit und Selbstbestimmung im Netz heraufdämmern sehen, habe ich in einem feuilletonistischen Thesenbuch Ausdruck verliehen. Es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Werk, weshalb es auch keine Fußnoten gibt (was aber nicht heißt, dass ich die Quellen nicht geprüft hätte). Die Form ist meines Erachtens völlig legitim und hat eine gute Tradition.

Die Glaubwürdigkeit eines Textes wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass er sich zur Auflockerung einiger Anekdoten bedient (wer das behauptet, hat noch niemals eines dieser hervorragenden angelsächsischen populärwissenschaftlichen Bücher gelesen). Einen anschaulichen Stil, indem das Thema und die Thesen präsentiert werden, wäre wirklich das Allerletzte, was ich einem Blogger vorwürfe.

Populäre Thesenbücher und wissenschaftliche Werke sind zwei gleich berechtigte, aber unterschiedliche Formen. Dies nicht zu würdigen, ist übrigens auch der Fehler, den Jürgen Fenn macht, wenn er Frank Schirrmachers „Payback“ mit einem kommunikationswissenschaftlichen Werk mit dem sperrigen, wenig einladenden Titel „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten im Web 2.0“ vergleicht ( http://bit.ly/d538uq ).

So wie ich nichts gegen die Restaurantkette „Vapiano“ habe (das Essen dort ist wirklich gut), habe ich auch nichts gegen Blogs an sich. Bestimmte Vorwürfe habe ich übrigens in diesem Zusammenhang nie erhoben. Zum Beispiel wird in einigen Blogs zwar ein rauer Umgangston gepflegt (Ich zitiere unter anderen Don Alphonso), aber gerüpelt und krakelt, verleumdet und beleidigt wird hauptsächlich von anonymen Nutzern in den Kommentarspalten.

Blogs können eine nützliche und interessante Ergänzung zum nachrichtlichen Informationsangebot sein, so sie gewisse Qualitätsstandards erfüllen. Wenn sie diese Standards erfüllen, würde ich Blogs sogar zum Journalismus zählen. Ich habe in meinem Buch in einem langen Kapitel diese Standards beschrieben und sowohl den bestehenden Journalismus als auch die real existierende Blogwelt daran gemessen. Beide haben ohne Zweifel noch ihre Mängel.

Für ein sehr schwerwiegendes Problem halte ich es allerdings in der Tat, wenn es keinen Journalismus mehr geben sollte, weil er von Blogs und kostenlosem Content verdrängt wurde. Das ist die zentrale These von „Dumm 3.0“. Dabei ergibt sich überhaupt kein Widerspruch zu einem aufklärerischen Grundanliegen: Ich traue den meisten Menschen in der Tat zu (oder erhoffe es mir zumindest), sich auf der Grundlage von vertrauenswürdigen Informationen ein eigenes Urteil zu bilden.

Ich glaube deshalb, dass Journalisten ihre Arbeit gut machen müssen, um diese vertrauenswürdigen Informationen zu beschaffen. Ich bezweifle aber sehr, dass sehr viele Menschen Lust, Fähigkeit und Ressourcen haben, die Vertrauenswürdigkeit der Information in jedem Einzelfall selbst zu prüfen. Ich jedenfalls habe das nicht.

Ich schalte meinen kritischen Verstand bei der Lektüre von journalistischen Produkten sicherlich nicht aus und bin mir der Vielfalt der Manipulationsmöglichkeiten bewusst (demnächst gebe ich sogar ein Seminar für Journalisten, wie sie Manipulationsversuche durch PR und Politik erkennen können. Die Zahl der Anmeldungen wird womöglich etwas über den Zustand des Journalismus in Deutschland aussagen http://www.vszv.de/der-kritische-blick ). Aber mir fehlen die Ressourcen und das Expertenwissen einer guten Redaktion, immer und überall allem nachzurecherchieren.

Journalisten tragen für mich die Informationen zusammen, ordnen sie und garantieren ein gewisses Maß an Zuverlässigkeit. Robert Basic hat in einem Streitgespräch mit mir behauptet, inzwischen 60 Prozent seiner Informationen aus nicht-journalistischen Quellen zu bekommen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Robert Basic hat sehr eingeschränkte Interessen oder seine Angabe stimmt nicht. Oder informiert er sich über den nordkoreanischen Diktatorenmachtwechsel aus irgendwelchen Blogs und Tweets, über die Lage in Kirgistan, die neuesten Konjunkturzahlen, den G-20-Gipfel? Überprüft er die Zuverlässigkeit diese Quellen? Wie findet er sie? Wie erfährt er überhaupt, dass in Nordkorea etwas im Gange ist?

Wie gesagt, bis vor kurzem war ich mir sicher: Diese Arbeit will ich nicht selbst machen. Ich lege sie in die Hände von erfahrenen Journalisten, die das gelernt habe. Aber seit „Vapiano“ zweifle ich…

Irgendwo erinnere ich mich gelesen zu haben (Achtung, jetzt kommt eine ungeprüfte Information), dass es in Großbritannien zeitweise ein Restaurant gab, wo die Gäste nicht nur die Aufgabe der Kellner übernehmen, sondern auch noch selber kochen sollten (so wie ich bei Ikea ja auch schon selber kassieren soll). Leider bin ich zu wertkonservativ, diese Entwicklung für einen Fortschritt zu halten.

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