Freitag, 24. Februar 2012
Warum Gauck wählbar ist
klardeutsch, 12:26h
"#Gauck ist für #VDS, findet die Überwachung der Linken gut, äußerte sich abfällig über #Occupy. Und lobte Sarrazin. Darum unwählbar!" Über diesen Tweet von Jule Probst ist schon viel geschrieben worden. Aber fast alle Kommentare bezogen sich darauf, dass sich die Bloggerin auf Zitate stützt, die aus dem Zusammenhang gerissen und zudem falsch oder nur halb verstanden wurden.
Seltsamerweise echauffierte sich kaum jemand über die Schlussfolgerung, das "darum unwählbar". Dabei steckt in diesen zwei Worten ein ebenso fragwürdiges Verhältnis zur freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Mag sein, dass die beiden Worte nur der Kürze der 140 Zeichen geschuldet sind. Aber dann beweist dies erneut, wie wenig differenziert und sinnvoll man auf Twitter argumentieren kann, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen "unwählbar" und "würde ich nicht wählen".
Selbst wenn Gauck die ihm unterstellten Positionen vertreten würde (was er nicht tut), wäre er nicht unwählbar, denn man kann diese Positionen mit zumindest abwägenswerten, wenn auch nicht in allen Fällen überzeugenden Argumenten vertreten. "Unwählbar" wäre ein Kandidat (wie etwa beim letzten Mal der NPD-Mann), der die freiheitliche Grundordnung in Frage stellt. Das kann man Gauck nun beileibe nicht unterstellen.
Natürlich steht es jedem frei, andere Ansichten zu vertreten als Gauck, so wie es Anatol Stefanowitch tut (http://www.scilogs.de/wblogs/index.php?op=ViewArticle&articleId=3466&blogId=42). Dann sollte man, wenn man Wahlperson in der Bundesversammmlung wird, nicht für den Mann stimmen. Ihn aber deshalb für unwählbar zu halten, ist Ausdruck einer politische Arroganz, einer Haltung nach dem Motto "wählbar ist nur, wer die gleichen Ansichten vertritt wie ich".
Diese Haltung bricht sich leider immer wieder Bahn und verweist darauf, wie schwierig es ist, in einer Massengesellschaft differenzierte intellektuelle Debatten zu führen, wie es nicht zuletzt in diesem SpOn-Artikel deutlich wird: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,817275,00.html
Gaucks Problem als Bundespräsident wird sein, dass er zu klug und zu intellektuell für die Debatten der Massenkommunikation ist.
Man würde sich von den Kritikern Gaucks wünschen, dass sie ihre Worte genauso trennscharf und genau setzen wie der Kandidat selbst - statt dessen produzieren sie, was die Massenkommunikation von ihnen verlangt, egal ob auf Twitter oder in den traditionellen Massenmedien: inhaltsarme Denkblasen.
Seltsamerweise echauffierte sich kaum jemand über die Schlussfolgerung, das "darum unwählbar". Dabei steckt in diesen zwei Worten ein ebenso fragwürdiges Verhältnis zur freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Mag sein, dass die beiden Worte nur der Kürze der 140 Zeichen geschuldet sind. Aber dann beweist dies erneut, wie wenig differenziert und sinnvoll man auf Twitter argumentieren kann, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen "unwählbar" und "würde ich nicht wählen".
Selbst wenn Gauck die ihm unterstellten Positionen vertreten würde (was er nicht tut), wäre er nicht unwählbar, denn man kann diese Positionen mit zumindest abwägenswerten, wenn auch nicht in allen Fällen überzeugenden Argumenten vertreten. "Unwählbar" wäre ein Kandidat (wie etwa beim letzten Mal der NPD-Mann), der die freiheitliche Grundordnung in Frage stellt. Das kann man Gauck nun beileibe nicht unterstellen.
Natürlich steht es jedem frei, andere Ansichten zu vertreten als Gauck, so wie es Anatol Stefanowitch tut (http://www.scilogs.de/wblogs/index.php?op=ViewArticle&articleId=3466&blogId=42). Dann sollte man, wenn man Wahlperson in der Bundesversammmlung wird, nicht für den Mann stimmen. Ihn aber deshalb für unwählbar zu halten, ist Ausdruck einer politische Arroganz, einer Haltung nach dem Motto "wählbar ist nur, wer die gleichen Ansichten vertritt wie ich".
Diese Haltung bricht sich leider immer wieder Bahn und verweist darauf, wie schwierig es ist, in einer Massengesellschaft differenzierte intellektuelle Debatten zu führen, wie es nicht zuletzt in diesem SpOn-Artikel deutlich wird: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,817275,00.html
Gaucks Problem als Bundespräsident wird sein, dass er zu klug und zu intellektuell für die Debatten der Massenkommunikation ist.
Man würde sich von den Kritikern Gaucks wünschen, dass sie ihre Worte genauso trennscharf und genau setzen wie der Kandidat selbst - statt dessen produzieren sie, was die Massenkommunikation von ihnen verlangt, egal ob auf Twitter oder in den traditionellen Massenmedien: inhaltsarme Denkblasen.
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Freitag, 8. Juli 2011
Wie Journalisten aus dem Nichts einen Skandal zaubern
klardeutsch, 11:07h
"In einem Marinemagazin darf ein Autor ungeniert gegen Frauen in der Armee wettern, auch gegen die verstorbene Kadettin Sarah S."
http://www.welt.de/politik/deutschland/article13474858/Marine-Autor-verhoehnt-tote-Gorch-Fock-Kadettin.html
So lautet der Teaser eines Artikels auf Welt Online, der wiederum einen Artikel in der BILD-Zeitung zitiert. Und der ein schönes Beispiel für unsinnige journalistische Skandalisierung darstellt.
Um was geht es? In einem Artikel für das Magazin "Marineforum" schreibt ein Autor aus der rechtskonservativen Szene, dass Frauen als Soldaten ungeeignet sind. Diese Ansicht halte ich für großen Blödsinn, und Armeen wie die US-Army und die israelischen Streitkräfte belegen dies. Zumal der Autor nicht verstanden hat, wie die Beurteilung von körperlicher Leistungsfähigkeit beider Geschlechter eine Frage der statistischen Häufung ist, und nicht einfach auf ein Individuum heruntergebrochen werden kann. Eine Hammerwerfer-Weltmeisterin zum Beispiel ist vermutlich starker als 99 Prozent aller Männer und wird nur von der männlichen Hammerwerfer-Weltelite übertroffen.
Der Autor des Artikels, Erik Lehnert, betreibt ein zwielichtiges "Institut für Staatsbürgerkunde" in einem Rittergut in Abtsroda und ist offenbar ein Anhänger von Carl Schmitts demokratiefreindlicher politischer Philosophie.
Aber wo liegt nun der Skandal? Warum zitieren Welt Online und Bild eine dubiosen Autor in einem Nischenmagazin? Anders als der Teaser suggeriert, ist das "Marineforum" nämlich kein offizielles Organ der Bundesmarine. Und ob es wirklich "renommiert" ist, bleibt fraglich. Deutsche Boulevardzeitungen erklärten auch schon gern mal die "News of the World" zur renommierten britischen Tageszeitung, wenn sie Unsinn daraus zitierten.
Erik Lehnerts Ansicht mag Blödsinn sein, aber in einem freien Land darf man auch bis zu einem gewissen Grade Blödsinn verbreiten.
Der Artikel auf Welt Online ist eher ein Beispiel dafür, wie man einen Skandal zaubert. Eine Art Instantrezept für Skandalisierungen. Denn irgendwo findet sich immer ein Artikel mit verschrobenen Ansichten.
http://www.welt.de/politik/deutschland/article13474858/Marine-Autor-verhoehnt-tote-Gorch-Fock-Kadettin.html
So lautet der Teaser eines Artikels auf Welt Online, der wiederum einen Artikel in der BILD-Zeitung zitiert. Und der ein schönes Beispiel für unsinnige journalistische Skandalisierung darstellt.
Um was geht es? In einem Artikel für das Magazin "Marineforum" schreibt ein Autor aus der rechtskonservativen Szene, dass Frauen als Soldaten ungeeignet sind. Diese Ansicht halte ich für großen Blödsinn, und Armeen wie die US-Army und die israelischen Streitkräfte belegen dies. Zumal der Autor nicht verstanden hat, wie die Beurteilung von körperlicher Leistungsfähigkeit beider Geschlechter eine Frage der statistischen Häufung ist, und nicht einfach auf ein Individuum heruntergebrochen werden kann. Eine Hammerwerfer-Weltmeisterin zum Beispiel ist vermutlich starker als 99 Prozent aller Männer und wird nur von der männlichen Hammerwerfer-Weltelite übertroffen.
Der Autor des Artikels, Erik Lehnert, betreibt ein zwielichtiges "Institut für Staatsbürgerkunde" in einem Rittergut in Abtsroda und ist offenbar ein Anhänger von Carl Schmitts demokratiefreindlicher politischer Philosophie.
Aber wo liegt nun der Skandal? Warum zitieren Welt Online und Bild eine dubiosen Autor in einem Nischenmagazin? Anders als der Teaser suggeriert, ist das "Marineforum" nämlich kein offizielles Organ der Bundesmarine. Und ob es wirklich "renommiert" ist, bleibt fraglich. Deutsche Boulevardzeitungen erklärten auch schon gern mal die "News of the World" zur renommierten britischen Tageszeitung, wenn sie Unsinn daraus zitierten.
Erik Lehnerts Ansicht mag Blödsinn sein, aber in einem freien Land darf man auch bis zu einem gewissen Grade Blödsinn verbreiten.
Der Artikel auf Welt Online ist eher ein Beispiel dafür, wie man einen Skandal zaubert. Eine Art Instantrezept für Skandalisierungen. Denn irgendwo findet sich immer ein Artikel mit verschrobenen Ansichten.
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Donnerstag, 14. April 2011
Journalistische Logik
klardeutsch, 14:30h
Es gibt leider eine Tendenz von Journalisten, ihre schönen Sätze nicht logisch zu Ende zu denken. Oder sie überhaupt zu durchdenken. So findet sich in einem, na, sagen wir Westerwelle-kritischen Stück auf Süddeutsche.de folgender Satz:
"Weil es der Nato-Mission in Libyen an sichtbaren Erfolgen mangelt und die Rebellen weiterhin nach Hilfe rufen, wächst innerhalb der Allianz der Ärger - auch auf Deutschland."
Es gäbe jetzt allen Grund, diese Situation im Folgenden des Textes zu analysieren. Das geschieht aber nicht. Er fragt nicht:
Warum ist Deutschland Schuld, wenn es der Nato bei einem Einsatz an Erfolg mangelt, den Deutschland abgelehnt hat?
Wäre es nicht eher eine Bestätigung für Deutschlands Haltung, wenn der Erfolg der Einsätze ausbleibt?
Warum wächst der Ärger auf Deutschland, wenn in Libyen die Rebellen nach mehr Luftschlägen rufen?
Wäre Deutschland auch Schuld, wenn die Luftschläge intensiviert werden und dabei Zivilisten zu Tode kommen?
Man kann ja gerne anderer Ansicht sein als Westerwelle. Aber Geraune statt Logik überzeugt niemanden.
"Weil es der Nato-Mission in Libyen an sichtbaren Erfolgen mangelt und die Rebellen weiterhin nach Hilfe rufen, wächst innerhalb der Allianz der Ärger - auch auf Deutschland."
Es gäbe jetzt allen Grund, diese Situation im Folgenden des Textes zu analysieren. Das geschieht aber nicht. Er fragt nicht:
Warum ist Deutschland Schuld, wenn es der Nato bei einem Einsatz an Erfolg mangelt, den Deutschland abgelehnt hat?
Wäre es nicht eher eine Bestätigung für Deutschlands Haltung, wenn der Erfolg der Einsätze ausbleibt?
Warum wächst der Ärger auf Deutschland, wenn in Libyen die Rebellen nach mehr Luftschlägen rufen?
Wäre Deutschland auch Schuld, wenn die Luftschläge intensiviert werden und dabei Zivilisten zu Tode kommen?
Man kann ja gerne anderer Ansicht sein als Westerwelle. Aber Geraune statt Logik überzeugt niemanden.
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Mittwoch, 2. März 2011
Warum Guttenberg das Ende der Netzgemeinde einläutet
klardeutsch, 12:27h
Die Facebook-Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“ wird vermutlich noch im Laufe der nächsten Stunden 350.000 Anhänger finden. Zugleich zeigt sich die überwiegende Mehrheit der Twitterer ablehnend gegenüber Karl-Theodor zu Guttenberg.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Plagiatsaffäre spiegelt zum einen die unterschiedliche soziodemographische Struktur der jeweiligen sozialen Netzwerke wider. Twitter ist letztlich das Kommunikationsinstrument einer intellektuellen Minderheit, Facebook hingegen Kommunikation der Massen. Die Tweets sind in vielen Fällen wohlformulierte, korrekt geschriebene kleine Aphorismen. Die Mehrheit der Facebook-Einträge strotzt vor Rechtschreibfehlern. In einigen von ihnen ist kaum ein einziges Wort richtig geschrieben, was an sich wieder ein Hinweis auf den Grund der Akademikerverachtung sein kann, die in vielen Beiträgen zum Ausdruck kommt.
Diese offensichtlichen Unterschiede zerstören zugleich einen Mythos, den viele Internet-Apologeten lange gepflegt haben und den sie noch im Hinblick auf die Revolutionen in Tunesien und Ägypten bestätigt sahen. Jetzt hingegen wird deutlich: Es gibt keine Netz-Community.
Noch als es gegen Ursula von der Leyen ging, wurde die Illusion geschürt, im Netz artikuliere sich eine große Familie, die – von kleinen Hakeleien abgesehen – im Großen und Ganzen einer Meinung ist. „Das Netz“ wende sich gegen Zensurbestrebungen der Ministerin, hieß es. Und immer wieder wurde bei großen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen gefragt, was denn „das Netz“ denke. „Das Netz“ denkt aber überhaupt nicht – es ist schließlich nur genau das: ein Netz, eine Verknüpfung von vielen Menschen, die ganz unterschiedliche Interessen verfolgen und Ansichten haben.
Je größer die Partizipation aller Bevölkerungsschichten im Netz wird, desto deutlicher wird dies. Es kann sein, dass sich die Interessen in einem Moment auf Freiheit und Befreiung von der Diktatur richten. Es kann genauso gut geschehen, dass – wie in Pakistan – die Kommunikationsmittel des Internets genutzt werden, um den Mord an liberalen Politikern zu feiern und die Talibanisierung der Gesellschaft in die Wege zu leiten.
Und wenn die Gesellschaft, wie im Falle Guttenberg, gespalten ist, dann ist es eben auch die Netzgemeinde. Das ist nicht weiter schlimm, solange die zivilen Anstandsformen der Kommunikation gewahrt werden; es ist vielmehr sogar folgerichtig. Es dürfte aber enttäuschend sein für viele, die vom Internet das Heraufdämmern einer neuen, besseren Gesellschaft erwartet hatten.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Plagiatsaffäre spiegelt zum einen die unterschiedliche soziodemographische Struktur der jeweiligen sozialen Netzwerke wider. Twitter ist letztlich das Kommunikationsinstrument einer intellektuellen Minderheit, Facebook hingegen Kommunikation der Massen. Die Tweets sind in vielen Fällen wohlformulierte, korrekt geschriebene kleine Aphorismen. Die Mehrheit der Facebook-Einträge strotzt vor Rechtschreibfehlern. In einigen von ihnen ist kaum ein einziges Wort richtig geschrieben, was an sich wieder ein Hinweis auf den Grund der Akademikerverachtung sein kann, die in vielen Beiträgen zum Ausdruck kommt.
Diese offensichtlichen Unterschiede zerstören zugleich einen Mythos, den viele Internet-Apologeten lange gepflegt haben und den sie noch im Hinblick auf die Revolutionen in Tunesien und Ägypten bestätigt sahen. Jetzt hingegen wird deutlich: Es gibt keine Netz-Community.
Noch als es gegen Ursula von der Leyen ging, wurde die Illusion geschürt, im Netz artikuliere sich eine große Familie, die – von kleinen Hakeleien abgesehen – im Großen und Ganzen einer Meinung ist. „Das Netz“ wende sich gegen Zensurbestrebungen der Ministerin, hieß es. Und immer wieder wurde bei großen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen gefragt, was denn „das Netz“ denke. „Das Netz“ denkt aber überhaupt nicht – es ist schließlich nur genau das: ein Netz, eine Verknüpfung von vielen Menschen, die ganz unterschiedliche Interessen verfolgen und Ansichten haben.
Je größer die Partizipation aller Bevölkerungsschichten im Netz wird, desto deutlicher wird dies. Es kann sein, dass sich die Interessen in einem Moment auf Freiheit und Befreiung von der Diktatur richten. Es kann genauso gut geschehen, dass – wie in Pakistan – die Kommunikationsmittel des Internets genutzt werden, um den Mord an liberalen Politikern zu feiern und die Talibanisierung der Gesellschaft in die Wege zu leiten.
Und wenn die Gesellschaft, wie im Falle Guttenberg, gespalten ist, dann ist es eben auch die Netzgemeinde. Das ist nicht weiter schlimm, solange die zivilen Anstandsformen der Kommunikation gewahrt werden; es ist vielmehr sogar folgerichtig. Es dürfte aber enttäuschend sein für viele, die vom Internet das Heraufdämmern einer neuen, besseren Gesellschaft erwartet hatten.
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Mittwoch, 7. Juli 2010
Blogger in die WELT online!
klardeutsch, 10:55h
Ich habe mir noch einmal in aller Ruhe durchgelesen, wie die verschiedenen Beteiligten an der Welt Kompakt Scroll-Edition ihre Arbeit dort reflektiert haben. Erfreulicherweise haben nur wenige krawallig und zickig reagiert.
Die Bilanz vieler Blogger zeigt, dass es - wenn schon nicht für den Leser, so doch für die Beteiligten - eine lehrreiche Aktion war. Und in der Tat war es ja von der Welt kompakt eine spannende Idee, einmal die Zeitung von Bloggern füllen zu lassen. Und sei es nur, damit klar wird, dass Bloggen und Nachrichtenjournalismus zwei unterschiedliche Dinge sind, die sich ergänzen. Dass aber das Bloggen den Journalismus nicht ersetzen kann. Quod erat demonstrandum.
Ich glaube nicht, dass es eine sinnvolle Fortsetzung des Experiments wäre, beim nächsten Mal den Bloggern eine Crashkurs in Journalismus zu geben und sie dann gemeinsam mit Tageszeitungsredakteuren eine Zeitungsausgabe basteln zu lassen. Die Bloggern wären dann - nunja, Praktikanten in einer Zeitungsredaktion.
Erkennniswert für alle Seiten hätte hingegen, wenn die Blogger für einen Tag den Newsroom von Welt Online besetzen und einmal 24 Stunden eine Nachrichtensite machen. Dann wären die Blogger in ihrer Welt, nämlich dem Netz. Es gebe keine Platzbeschränkungen, keine vorproduzierten Seiten (sondern nur die Beschränkungen des CMS) dafür aber echten Nachrichtenstress - und zwar in der Konkurrenz zu SpOn, Tagesschau.de, Sueddeutsche.de und so weiter.
Natürlich kann man das Ergebnis eines solchen Experimentes nicht vorweg nehmen. Aber ich vermute, am Ende kommt heraus, dass die Zukunft ungefähr so aussieht: www.huffingtonpost.com - ein Blog, der keiner mehr ist.
Die Bilanz vieler Blogger zeigt, dass es - wenn schon nicht für den Leser, so doch für die Beteiligten - eine lehrreiche Aktion war. Und in der Tat war es ja von der Welt kompakt eine spannende Idee, einmal die Zeitung von Bloggern füllen zu lassen. Und sei es nur, damit klar wird, dass Bloggen und Nachrichtenjournalismus zwei unterschiedliche Dinge sind, die sich ergänzen. Dass aber das Bloggen den Journalismus nicht ersetzen kann. Quod erat demonstrandum.
Ich glaube nicht, dass es eine sinnvolle Fortsetzung des Experiments wäre, beim nächsten Mal den Bloggern eine Crashkurs in Journalismus zu geben und sie dann gemeinsam mit Tageszeitungsredakteuren eine Zeitungsausgabe basteln zu lassen. Die Bloggern wären dann - nunja, Praktikanten in einer Zeitungsredaktion.
Erkennniswert für alle Seiten hätte hingegen, wenn die Blogger für einen Tag den Newsroom von Welt Online besetzen und einmal 24 Stunden eine Nachrichtensite machen. Dann wären die Blogger in ihrer Welt, nämlich dem Netz. Es gebe keine Platzbeschränkungen, keine vorproduzierten Seiten (sondern nur die Beschränkungen des CMS) dafür aber echten Nachrichtenstress - und zwar in der Konkurrenz zu SpOn, Tagesschau.de, Sueddeutsche.de und so weiter.
Natürlich kann man das Ergebnis eines solchen Experimentes nicht vorweg nehmen. Aber ich vermute, am Ende kommt heraus, dass die Zukunft ungefähr so aussieht: www.huffingtonpost.com - ein Blog, der keiner mehr ist.
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Montag, 5. Juli 2010
Robert Basics Irrtum - Eine Replik auf die Spitzen des Fortschritts
klardeutsch, 13:55h
Leser sind offenbar ein schrecklicher Störfaktor, wenn sich Blogger und Journalisten über die Zukunft der Publizistik streiten. In Robert Basics Verteidigung des Welt kompakt-Experiments findet sich ein bemerkenswerter Satz:
„Ich erwarte nicht von einem Welt Kompakt Leser die Bedeutung dieses Experiments zu erkennen.“ http://bit.ly/9THouo
Sollte das wirklich der Unterschied zwischen einem professionellen Journalisten und einem deutschen Blogger sein, dann zeigt diese Bemerkung die ganze Misere der deutschen Blogszene. Mitbloggerin Rose Jakobs sieht es übrigens ähnlich: „Am Ende ist es wirklich traurig, wie unflexibel und konservativ viele Leser der Welt Kompakt zu sein scheinen.“
Mit anderen Worten: Die Leser sind zu doof, unsere Genialität und Fortschrittlichkeit zu erkennen. Mag vielleicht sogar sein (ich halte es auch unten aufgeführten Gründen für extrem unwahrscheinlich). Manche Pioniere sind am Anfang verkannt worden. Aber genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Produkt, das am Ende Käufer finden muss, weil es sich finanzieren muss, und irgendeiner Befindlichkeitsschreiberei als Hobby oder für einen Nischenmarkt.
Roberts Argumentation spiegelt diesen Unterschied ebenso wider: Wir Blogger sind die Spitze des Fortschritts, so liest man auch in seinem Beitrag. Wer mit uns reden will, der muss zunächst einmal diese Prämisse akzeptieren. Wer anders denkt als wir (oder ein paar traditionelle journalistische Tugenden wie Recherche verteidigt), ist irgendwie von vorgestern. Wer die Prämisse nicht akzeptiert, ist offenbar nicht satisfaktionsfähig.
Robert schreibt, wir alle hätten die Tragweite der neuen Informationswelten noch nicht begriffen. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Ich habe selbst vor einigen Wochen mit Verantwortlichen der Axel-Springer-Akademie sprechen können. Dort hat man sehr wohl die Tragweite der Veränderung begriffen. Das heißt aber nicht, dass man zu den gleichen Schlüssen kommen muss wie Robert.
Dummerweise erweisen sich nämlich auch viele Leser als von vorgestern. Mir scheint übrigens, dass die wirklich erfolgreichen Blogs in den USA längst erkannt haben, dass ihre Autoren für die Leser schreiben und nicht für sich selbst.
Erinnert sich noch jemand an die handgestrickten Stadt- und Stadtteilzeitschriften der 1980er Jahre? Die waren voll mit solchen Texten, wie man sie heute in den angeblichen Alpha-Blogs zu oft noch findet. Interpunktion und Rechtschreibung, klare Gedankenführung, sprachliche Verständlichkeit und Recherche galten auch damals als reaktionäre Elemente des bürgerlichen Journalismus, den es zu überwinden galt.
Die wenigen Stadtzeitschriften , die überlebt haben, sind heute anständige journalistische Produkte – ziemlich bürgerlich.
Ja, die Medienwelt wird sich verändern. Der Journalismus steht vor der Herausforderung, die Technik zu meistern, die Kommunikation mit dem Leser, die Pluralität der Quellen und die Geschwindigkeit der Übermittelung. Das sind aber professionelle Herausforderungen. Die Zukunft liegt nicht im deutschen Blogwesen, nämlich bei einem Latte Macchiato zu sitzen, über die Welt zu sinieren und das dann irgendwie runterzuschreiben.
P.S. Nein, niemand muss seine Urlaubspostkarte schreiben wie Günter Grass einen Roman, wie einer der Kommentatoren empört angemerkt hat. Aber er schreibt eben auch nur eine Urlaubspostkarte, die sich an Tante Helga und Onkel Herbert richtet. Das ist völlig in Ordnung. Wer für seine Urlaubspostkarte aber den Literaturnobelpreis erwartet oder glaubt, er könnte als Urlaubspostkartenschreiber ja mal für ein paar Tage die Rolle eines Literaturnobelpreisträgers einnehmen, oder seine Urlaubspostkarte sei die Zukunft der Literatur, der irrt gewaltig.
„Ich erwarte nicht von einem Welt Kompakt Leser die Bedeutung dieses Experiments zu erkennen.“ http://bit.ly/9THouo
Sollte das wirklich der Unterschied zwischen einem professionellen Journalisten und einem deutschen Blogger sein, dann zeigt diese Bemerkung die ganze Misere der deutschen Blogszene. Mitbloggerin Rose Jakobs sieht es übrigens ähnlich: „Am Ende ist es wirklich traurig, wie unflexibel und konservativ viele Leser der Welt Kompakt zu sein scheinen.“
Mit anderen Worten: Die Leser sind zu doof, unsere Genialität und Fortschrittlichkeit zu erkennen. Mag vielleicht sogar sein (ich halte es auch unten aufgeführten Gründen für extrem unwahrscheinlich). Manche Pioniere sind am Anfang verkannt worden. Aber genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Produkt, das am Ende Käufer finden muss, weil es sich finanzieren muss, und irgendeiner Befindlichkeitsschreiberei als Hobby oder für einen Nischenmarkt.
Roberts Argumentation spiegelt diesen Unterschied ebenso wider: Wir Blogger sind die Spitze des Fortschritts, so liest man auch in seinem Beitrag. Wer mit uns reden will, der muss zunächst einmal diese Prämisse akzeptieren. Wer anders denkt als wir (oder ein paar traditionelle journalistische Tugenden wie Recherche verteidigt), ist irgendwie von vorgestern. Wer die Prämisse nicht akzeptiert, ist offenbar nicht satisfaktionsfähig.
Robert schreibt, wir alle hätten die Tragweite der neuen Informationswelten noch nicht begriffen. Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Ich habe selbst vor einigen Wochen mit Verantwortlichen der Axel-Springer-Akademie sprechen können. Dort hat man sehr wohl die Tragweite der Veränderung begriffen. Das heißt aber nicht, dass man zu den gleichen Schlüssen kommen muss wie Robert.
Dummerweise erweisen sich nämlich auch viele Leser als von vorgestern. Mir scheint übrigens, dass die wirklich erfolgreichen Blogs in den USA längst erkannt haben, dass ihre Autoren für die Leser schreiben und nicht für sich selbst.
Erinnert sich noch jemand an die handgestrickten Stadt- und Stadtteilzeitschriften der 1980er Jahre? Die waren voll mit solchen Texten, wie man sie heute in den angeblichen Alpha-Blogs zu oft noch findet. Interpunktion und Rechtschreibung, klare Gedankenführung, sprachliche Verständlichkeit und Recherche galten auch damals als reaktionäre Elemente des bürgerlichen Journalismus, den es zu überwinden galt.
Die wenigen Stadtzeitschriften , die überlebt haben, sind heute anständige journalistische Produkte – ziemlich bürgerlich.
Ja, die Medienwelt wird sich verändern. Der Journalismus steht vor der Herausforderung, die Technik zu meistern, die Kommunikation mit dem Leser, die Pluralität der Quellen und die Geschwindigkeit der Übermittelung. Das sind aber professionelle Herausforderungen. Die Zukunft liegt nicht im deutschen Blogwesen, nämlich bei einem Latte Macchiato zu sitzen, über die Welt zu sinieren und das dann irgendwie runterzuschreiben.
P.S. Nein, niemand muss seine Urlaubspostkarte schreiben wie Günter Grass einen Roman, wie einer der Kommentatoren empört angemerkt hat. Aber er schreibt eben auch nur eine Urlaubspostkarte, die sich an Tante Helga und Onkel Herbert richtet. Das ist völlig in Ordnung. Wer für seine Urlaubspostkarte aber den Literaturnobelpreis erwartet oder glaubt, er könnte als Urlaubspostkartenschreiber ja mal für ein paar Tage die Rolle eines Literaturnobelpreisträgers einnehmen, oder seine Urlaubspostkarte sei die Zukunft der Literatur, der irrt gewaltig.
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Freitag, 2. Juli 2010
Was Deutschlands Blogger tun müssen, um nicht bedeutungslos zu werden
klardeutsch, 22:10h
Seit rund 15 Jahren analysiere und kritisiere ich in Seminaren Texte von Journalisten. Ich habe von den Kollegen schon viele gute und weniger gute Argumente gehört, warum ein Text mißraten ist. Für einige habe ich Verständnis. Aber folgendes Argument hat sich noch nie ein Journalist in meinen Seminaren getraut vorzubringen:
„Schon mal darüber nachgedacht, dass man viel Arbeit in so eine Geschichte investiert? Hallo? Ich habe eine dreiwöchige Reise für diese Geschichte gemacht. Etc. PP.“
http://bit.ly/aiVh8h
Es stammt von der Bloggerin Rose Jakobs, die sich gegen einen völlig gerechtfertigten Verriss ihres Provinzfeuilletongeschwafels verwahrt ( http://bit.ly/91C9wN ). Unter anderem mit diesen Worten:
„so ein technikfritze ist also der meinung, er sitzt so weit oben auf dem thron, dass er entscheiden vermag, was eine gute oder eine schlechte LESEGESCHICHTE IST?“
Jeder Journalist lernt: Der Leser ist der einzig berechtigte Richter über eine Geschichte. Die Geschichte von Rose ist in jener Ausgabe der Welt Kompakt erschienen, die von Bloggern gestaltet wurde. Bei diesem Experiment wurde vor allem eines klar: Journalismus ist ein Handwerk. Man muss (und man kann) lernen, wie gute Texte strukturiert werden, wie man eine Geschichte erzählt, warum es zum Beispiel bei einer Reisegeschichte nicht gut ist, den Reiseweg als roten Faden zu verwenden, warum eine Geschichte einen Küchenzuruf haben muss (damit der Leser am Ende nicht fragt: Was wollte der Autor mir eigentlich sagen?), warum das Aneinanderkleben von Phrasen nur Nachdenklichkeit suggeriert, aber einen klugen Gedanken nicht ersetzen kann, wie man durch das Auftreten von Menschen Spannung erzeugt, wie die Dramaturgie einer Geschichte funktioniert (dass es überhaupt einer bedarf) … kurzum, man kann sehr gut erlernen, warum die Geschichte der Bloggerin Rose Jacobs aus handwerklichen Gründen schlechter Journalismus ist – und dass man so etwas nach professionellen Gesichtspunkten beurteilen kann. Im Zweifel bekommen Print-Journalisten heute eine Readerscan-Untersuchung unter die Nase gehalten, die zeigt, dass die meisten Leser nach dem zweiten Absatz ausgestiegen waren.
Sind wir zu streng? War die Welt kompakt, gemacht von Bloggern, nur eine böse Falle des Springer-Verlages, um zu beweisen, dass Blogger keine Zeitung machen können. Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist): Kein Blogger wurde gezwungen, eine Zeitung zu machen. Sie haben es freiwillig gemacht, sogar dreiwöchige (!) Recherchereisen durchs Land unternommen. Umso trauriger, dass für das Ergebnis ein Tag gereicht hätte, schließlich hat die Autorin offensichtlich mit keiner einzigen Person gesprochen, hat kein einziges Faktum recherchiert – um nur zwei professionelle Kriterien zu nennen.
Rose, die den Journalismus laut Selbstbeschreibung „von der Pike auf“ gelernt hat, muss bei der Ausbildung in der WAZ-Gruppe etwas verpasst haben. ( http://gesellschaftistkeintrost.wordpress.com/about/ ) Angeblich sei am Tag vorher nichts geschehen. So sei halt die Nachrichtenlage gewesen. Die Agenturen hätten auch nichts gebracht. Was offenbar als ein guter Grund anzusehen ist, einen schlechten Text zu veröffentlichen. Man hätte natürlich auch die drei Wochen nutzen können, um eine Geschichte zu RECHERCHIEREN – das Wort scheint für die betroffenen Blogger ein Fremdwort zu sein.
Was also bleibt? Roses Fazit:
„Vielleicht noch mit ein paar guten Bloggern mehr, in Form eines Projektes über drei Tage. Einen Tag als Schreibakademie. Und dann zwei Tage hart durch ziehen. Eine richtige Zeitung machen. Würden wir schaffen.“
Immerhin gesteht die Autorin ein, dass man Schreiben lernen kann (und nicht einfach nur was aus Talent und guter Laune hinrotzen muss), denn sonst würde eine Schreibakademie keinen Sinn machen.
Und dann? Nehmen sich die Meisterblogger ZWEI Tage Zeit, um eine gute Tageszeitung (!) zu machen.
Die Debatte um das Welt Kompakt-Experiment zeigt vor allem eines: Die Bloggerszene wird sich entscheiden müssen, ob sie weiterhin recherchefreies Runterschreiben von dem, was man gerade so beim Dörferdurchfahren denkt, für ihre Aufgabe hält. Dann wird sie bedeutungslos werden, denn das machen dann alle anderen bei Facebook für ihre zwei, drei Handvoll Freunde auch.
Oder sie erkennt an, dass Schreiben für ein großes Publikum Handwerk ist, dass es handwerkliche Regeln für Lesegeschichten gibt und dass vor dem Schreiben die Recherche steht. Dann werden sie – Journalisten.
„Schon mal darüber nachgedacht, dass man viel Arbeit in so eine Geschichte investiert? Hallo? Ich habe eine dreiwöchige Reise für diese Geschichte gemacht. Etc. PP.“
http://bit.ly/aiVh8h
Es stammt von der Bloggerin Rose Jakobs, die sich gegen einen völlig gerechtfertigten Verriss ihres Provinzfeuilletongeschwafels verwahrt ( http://bit.ly/91C9wN ). Unter anderem mit diesen Worten:
„so ein technikfritze ist also der meinung, er sitzt so weit oben auf dem thron, dass er entscheiden vermag, was eine gute oder eine schlechte LESEGESCHICHTE IST?“
Jeder Journalist lernt: Der Leser ist der einzig berechtigte Richter über eine Geschichte. Die Geschichte von Rose ist in jener Ausgabe der Welt Kompakt erschienen, die von Bloggern gestaltet wurde. Bei diesem Experiment wurde vor allem eines klar: Journalismus ist ein Handwerk. Man muss (und man kann) lernen, wie gute Texte strukturiert werden, wie man eine Geschichte erzählt, warum es zum Beispiel bei einer Reisegeschichte nicht gut ist, den Reiseweg als roten Faden zu verwenden, warum eine Geschichte einen Küchenzuruf haben muss (damit der Leser am Ende nicht fragt: Was wollte der Autor mir eigentlich sagen?), warum das Aneinanderkleben von Phrasen nur Nachdenklichkeit suggeriert, aber einen klugen Gedanken nicht ersetzen kann, wie man durch das Auftreten von Menschen Spannung erzeugt, wie die Dramaturgie einer Geschichte funktioniert (dass es überhaupt einer bedarf) … kurzum, man kann sehr gut erlernen, warum die Geschichte der Bloggerin Rose Jacobs aus handwerklichen Gründen schlechter Journalismus ist – und dass man so etwas nach professionellen Gesichtspunkten beurteilen kann. Im Zweifel bekommen Print-Journalisten heute eine Readerscan-Untersuchung unter die Nase gehalten, die zeigt, dass die meisten Leser nach dem zweiten Absatz ausgestiegen waren.
Sind wir zu streng? War die Welt kompakt, gemacht von Bloggern, nur eine böse Falle des Springer-Verlages, um zu beweisen, dass Blogger keine Zeitung machen können. Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist): Kein Blogger wurde gezwungen, eine Zeitung zu machen. Sie haben es freiwillig gemacht, sogar dreiwöchige (!) Recherchereisen durchs Land unternommen. Umso trauriger, dass für das Ergebnis ein Tag gereicht hätte, schließlich hat die Autorin offensichtlich mit keiner einzigen Person gesprochen, hat kein einziges Faktum recherchiert – um nur zwei professionelle Kriterien zu nennen.
Rose, die den Journalismus laut Selbstbeschreibung „von der Pike auf“ gelernt hat, muss bei der Ausbildung in der WAZ-Gruppe etwas verpasst haben. ( http://gesellschaftistkeintrost.wordpress.com/about/ ) Angeblich sei am Tag vorher nichts geschehen. So sei halt die Nachrichtenlage gewesen. Die Agenturen hätten auch nichts gebracht. Was offenbar als ein guter Grund anzusehen ist, einen schlechten Text zu veröffentlichen. Man hätte natürlich auch die drei Wochen nutzen können, um eine Geschichte zu RECHERCHIEREN – das Wort scheint für die betroffenen Blogger ein Fremdwort zu sein.
Was also bleibt? Roses Fazit:
„Vielleicht noch mit ein paar guten Bloggern mehr, in Form eines Projektes über drei Tage. Einen Tag als Schreibakademie. Und dann zwei Tage hart durch ziehen. Eine richtige Zeitung machen. Würden wir schaffen.“
Immerhin gesteht die Autorin ein, dass man Schreiben lernen kann (und nicht einfach nur was aus Talent und guter Laune hinrotzen muss), denn sonst würde eine Schreibakademie keinen Sinn machen.
Und dann? Nehmen sich die Meisterblogger ZWEI Tage Zeit, um eine gute Tageszeitung (!) zu machen.
Die Debatte um das Welt Kompakt-Experiment zeigt vor allem eines: Die Bloggerszene wird sich entscheiden müssen, ob sie weiterhin recherchefreies Runterschreiben von dem, was man gerade so beim Dörferdurchfahren denkt, für ihre Aufgabe hält. Dann wird sie bedeutungslos werden, denn das machen dann alle anderen bei Facebook für ihre zwei, drei Handvoll Freunde auch.
Oder sie erkennt an, dass Schreiben für ein großes Publikum Handwerk ist, dass es handwerkliche Regeln für Lesegeschichten gibt und dass vor dem Schreiben die Recherche steht. Dann werden sie – Journalisten.
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Donnerstag, 1. Juli 2010
Die Währungsreform kommt - mit hundertprozentiger Sicherheit
klardeutsch, 15:32h
Bei einem Zwischenstopp in der Heimat lese ich mal wieder die Fuldaer Zeitung, bei der ich einst volontiert habe. In der heutigen Ausgabe schreiben dort zwei Kolumnisten. Zum einen fordert der unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidende Hans-Olaf Henkel (will sagen: Herr Henkel leidet schrecklich unter einem Mangel an Aufmerksamkeit für seine Person), dass die D-Mark wiedereingeführt gehört, weil ja die Südländer (zu denen er Frankreich zählt) Schuldenkönige sind im Vergleich zu Deutschland (zur Erinnerung: die Gesamtschuldenlast z.B. Spaniens ist niedriger als die deutsche).
Zum zweiten darf sich auf der Wirtschaftsseite Rainer Heißmann verbreiten, der Chefredakteur der Zeitschrift „Der Optionen-Profi“. In einem Artikel auf der Website des herausgebenden GeVestor-Verlages schreibt Herr Heißmann: „Aber nie, wirklich nie, schreibe ich hier einen Kommentar, allein aufgrund eines Titels, den ich lese. Und nie empfehle ich im Option Advisor oder Optionen-Profi eine Option aufgrund solch unvollständiger Informationen.“
Mit anderen Worten: auch wir sollten mit kritischem Verstand an seine Artikel herangehen.
Der „Optionen-Profi“ kostet in der Woche (!) 28,80 Euro, macht im Jahr bei 52 Ausgaben 1.497,60 Euro. Das ist ein Haufen Geld. Dafür kann ich wohl verlangen, dass der Chefredakteur Statistiken richtig auswertet, wie er uns in dem Web-Artikel verspricht.
In seinem Artikel für die Fuldaer Zeitung schreibt Heißmann: „Ich habe bei einem Seminar gesagt, ich sehe eine Wahrscheinlichkeit von 3 Prozent, dass eine Währungsreform kommt. Das war 2009. Danach liegt die Wahrscheinlichkeit 2011 bei 9 Prozent. Grund genug, Vorbereitungen zu treffen.“
Nun fragt sich der kritische Leser: Wie errechnet man die Wahrscheinlichkeit einer Währungsreform? Welche Daten liegen einer solchen Berechnung zugrunde? Und wieso erscheint es so völlig logisch, dass diese Wahrscheinlichkeit jedes Jahr um genau diese drei Prozent wächst? Wieso spielen offenbar keinerlei andere Faktoren eine Rolle? Bedeutet dies, dass 2012 die Wahrscheinlichkeit bei 12 Prozent liegt, 2013 bei 15 Prozent, 2014 bei 18 Prozent, 2015 bei 21 Prozent und so weiter? Das heißt: Spätestens im Jahre 2043 ist mit absoluter Sicherheit mit einer Währungsreform zu rechnen, sollte sie bis dahin nicht eingetreten sein (geht dann die Zählung von vorne los?)
Warum ist eine Wahrscheinlichkeit von neun Prozent Grund genug zum Handeln? Man könnte sich eine Wahrscheinlichkeit von neun Prozent so vorstellen, dass in hundert zufällig ausgewählten Jahren 2012 in neun davon eine Währungsreform stattfindet. In 91 davon aber nicht.
Wie sinnvoll sollte es also sein, eine Anlagestrategie für sein Geld zu wählen, die in mehr als neun von zehn Fällen wirtschaftlich unklug ist, zum Beispiel weil sie keine Zinsen erbringt (etwa Gold zu kaufen, wie Herr Heißmann im Verlaufe des Artikels empfiehlt mit den Worten: „Gold und Silber ‚müssen‘ Sie haben.“ Die Anführungszeichen bei „müssen“ stehen auch im Original und man fragt sich: was sollen sie bedeuten?)
Das Gold soll man übrigens zuhause (Verzeihung, wörtlich und wieder in Anführungszeichen „zu Hause“) aufbewahren, weil der Staat ja die Bankschließfächer versiegeln könnte.
Offenbar hat Herr Heißmann die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet, dass mit der Währungsreform auch noch die Verfassung aufgehoben wird. Da kann man dem Mann nur zustimmen: „Sicher ist: Es wird schlimm!“ Aber im nächsten Jahr beruhigenderweise nur in weniger als einem von zehn Fällen.
Zum zweiten darf sich auf der Wirtschaftsseite Rainer Heißmann verbreiten, der Chefredakteur der Zeitschrift „Der Optionen-Profi“. In einem Artikel auf der Website des herausgebenden GeVestor-Verlages schreibt Herr Heißmann: „Aber nie, wirklich nie, schreibe ich hier einen Kommentar, allein aufgrund eines Titels, den ich lese. Und nie empfehle ich im Option Advisor oder Optionen-Profi eine Option aufgrund solch unvollständiger Informationen.“
Mit anderen Worten: auch wir sollten mit kritischem Verstand an seine Artikel herangehen.
Der „Optionen-Profi“ kostet in der Woche (!) 28,80 Euro, macht im Jahr bei 52 Ausgaben 1.497,60 Euro. Das ist ein Haufen Geld. Dafür kann ich wohl verlangen, dass der Chefredakteur Statistiken richtig auswertet, wie er uns in dem Web-Artikel verspricht.
In seinem Artikel für die Fuldaer Zeitung schreibt Heißmann: „Ich habe bei einem Seminar gesagt, ich sehe eine Wahrscheinlichkeit von 3 Prozent, dass eine Währungsreform kommt. Das war 2009. Danach liegt die Wahrscheinlichkeit 2011 bei 9 Prozent. Grund genug, Vorbereitungen zu treffen.“
Nun fragt sich der kritische Leser: Wie errechnet man die Wahrscheinlichkeit einer Währungsreform? Welche Daten liegen einer solchen Berechnung zugrunde? Und wieso erscheint es so völlig logisch, dass diese Wahrscheinlichkeit jedes Jahr um genau diese drei Prozent wächst? Wieso spielen offenbar keinerlei andere Faktoren eine Rolle? Bedeutet dies, dass 2012 die Wahrscheinlichkeit bei 12 Prozent liegt, 2013 bei 15 Prozent, 2014 bei 18 Prozent, 2015 bei 21 Prozent und so weiter? Das heißt: Spätestens im Jahre 2043 ist mit absoluter Sicherheit mit einer Währungsreform zu rechnen, sollte sie bis dahin nicht eingetreten sein (geht dann die Zählung von vorne los?)
Warum ist eine Wahrscheinlichkeit von neun Prozent Grund genug zum Handeln? Man könnte sich eine Wahrscheinlichkeit von neun Prozent so vorstellen, dass in hundert zufällig ausgewählten Jahren 2012 in neun davon eine Währungsreform stattfindet. In 91 davon aber nicht.
Wie sinnvoll sollte es also sein, eine Anlagestrategie für sein Geld zu wählen, die in mehr als neun von zehn Fällen wirtschaftlich unklug ist, zum Beispiel weil sie keine Zinsen erbringt (etwa Gold zu kaufen, wie Herr Heißmann im Verlaufe des Artikels empfiehlt mit den Worten: „Gold und Silber ‚müssen‘ Sie haben.“ Die Anführungszeichen bei „müssen“ stehen auch im Original und man fragt sich: was sollen sie bedeuten?)
Das Gold soll man übrigens zuhause (Verzeihung, wörtlich und wieder in Anführungszeichen „zu Hause“) aufbewahren, weil der Staat ja die Bankschließfächer versiegeln könnte.
Offenbar hat Herr Heißmann die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet, dass mit der Währungsreform auch noch die Verfassung aufgehoben wird. Da kann man dem Mann nur zustimmen: „Sicher ist: Es wird schlimm!“ Aber im nächsten Jahr beruhigenderweise nur in weniger als einem von zehn Fällen.
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Dienstag, 29. Juni 2010
Warum wir nicht alle Kellner werden sollten - Eine Erwiderung zur Rolle des Journalismus
klardeutsch, 17:09h
Kürzlich war ich mit Freunden in einem Restaurant der „Vapiano-Kette. Es war brechend voll. In diesem Augenblick kamen mir zum ersten Mal Zweifel, ob eine Thesen, die ich in „Dumm 3.0“ vertrete, nicht vielleicht doch falsch sein könnte. Offenbar wollen viele Menschen auf Biegen und Brechen etwas machen, dass ihnen eigentlich Dienstleister abnehmen könnten.
In diesem Falle verzichten sie darauf, sich bedienen zu lassen, sondern stellen sich lieber (bei gleichen Preisen!) in eine lange Schlange und warten in einer unkommunikativen Situation auf ihr Essen.
In einem normalen Restaurant könnten sie schon bequem sitzen und sich mit Freunden unterhalten.
Sollte es mit journalistischen Dienstleistungen genauso kommen? Wollen die Menschen vielleicht gar nicht, dass Journalisten ihnen dabei behilflich sind, die Informationsflut zu bewältigen. Wollen sie alles selber machen – und wenn ja, um Himmels willen, wieso?
Ja, ich bin in diesem Falle wertkonservativ, um eine Charakterisierung von Caspar Clemens Mierau aufzugreifen, die er in einer Besprechung meines Buches „Dumm 3.0“ ( http://bit.ly/96HXFN ) gebraucht hat. Ich fände es schade, wenn die Berufe des Kellners und des Journalisten verschwänden und durch Essensausgeber, Kassierer am Restaurantausgang, durch Inhalteausgeber und Contentmarketingverkäufer ersetzt würden.
Vor allem halte ich es für naiv zu glauben, die Restaurantgäste und die Informationsinteressierten gewönnen durch die neue Situation an Selbstbestimmung, weil sie nicht mehr der Macht von Kellnern und Journalisten ausgesetzt seien. Sie bleiben in beiden Fällen weiterhin Teil eines kommerziellen Systems, hinter dem Macht- oder Profitinteressen stehen.
Für ebenso naiv halte ich zu meinen, wir hätten es im Netz mit einem Ende der Hierarchiestrukturen zu tun. Es wechseln im Zweifel nur die Hierarchen – von den Medienzaren zu den Steve Jobs, Mark Zuckerbergs und den Herren von Google. Das Selbstbild des kleinen Bloggers, der sich nun genauso mächtig fühlt wie Rupert Murdoch ist ein Kindertraum. Im Zweifel dreht ihm Apple einfach den App ab...
Diesem Unbehagen und diesem Widerspruch gegen die Internetapologeten, die das Reich der Freiheit und Selbstbestimmung im Netz heraufdämmern sehen, habe ich in einem feuilletonistischen Thesenbuch Ausdruck verliehen. Es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Werk, weshalb es auch keine Fußnoten gibt (was aber nicht heißt, dass ich die Quellen nicht geprüft hätte). Die Form ist meines Erachtens völlig legitim und hat eine gute Tradition.
Die Glaubwürdigkeit eines Textes wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass er sich zur Auflockerung einiger Anekdoten bedient (wer das behauptet, hat noch niemals eines dieser hervorragenden angelsächsischen populärwissenschaftlichen Bücher gelesen). Einen anschaulichen Stil, indem das Thema und die Thesen präsentiert werden, wäre wirklich das Allerletzte, was ich einem Blogger vorwürfe.
Populäre Thesenbücher und wissenschaftliche Werke sind zwei gleich berechtigte, aber unterschiedliche Formen. Dies nicht zu würdigen, ist übrigens auch der Fehler, den Jürgen Fenn macht, wenn er Frank Schirrmachers „Payback“ mit einem kommunikationswissenschaftlichen Werk mit dem sperrigen, wenig einladenden Titel „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten im Web 2.0“ vergleicht ( http://bit.ly/d538uq ).
So wie ich nichts gegen die Restaurantkette „Vapiano“ habe (das Essen dort ist wirklich gut), habe ich auch nichts gegen Blogs an sich. Bestimmte Vorwürfe habe ich übrigens in diesem Zusammenhang nie erhoben. Zum Beispiel wird in einigen Blogs zwar ein rauer Umgangston gepflegt (Ich zitiere unter anderen Don Alphonso), aber gerüpelt und krakelt, verleumdet und beleidigt wird hauptsächlich von anonymen Nutzern in den Kommentarspalten.
Blogs können eine nützliche und interessante Ergänzung zum nachrichtlichen Informationsangebot sein, so sie gewisse Qualitätsstandards erfüllen. Wenn sie diese Standards erfüllen, würde ich Blogs sogar zum Journalismus zählen. Ich habe in meinem Buch in einem langen Kapitel diese Standards beschrieben und sowohl den bestehenden Journalismus als auch die real existierende Blogwelt daran gemessen. Beide haben ohne Zweifel noch ihre Mängel.
Für ein sehr schwerwiegendes Problem halte ich es allerdings in der Tat, wenn es keinen Journalismus mehr geben sollte, weil er von Blogs und kostenlosem Content verdrängt wurde. Das ist die zentrale These von „Dumm 3.0“. Dabei ergibt sich überhaupt kein Widerspruch zu einem aufklärerischen Grundanliegen: Ich traue den meisten Menschen in der Tat zu (oder erhoffe es mir zumindest), sich auf der Grundlage von vertrauenswürdigen Informationen ein eigenes Urteil zu bilden.
Ich glaube deshalb, dass Journalisten ihre Arbeit gut machen müssen, um diese vertrauenswürdigen Informationen zu beschaffen. Ich bezweifle aber sehr, dass sehr viele Menschen Lust, Fähigkeit und Ressourcen haben, die Vertrauenswürdigkeit der Information in jedem Einzelfall selbst zu prüfen. Ich jedenfalls habe das nicht.
Ich schalte meinen kritischen Verstand bei der Lektüre von journalistischen Produkten sicherlich nicht aus und bin mir der Vielfalt der Manipulationsmöglichkeiten bewusst (demnächst gebe ich sogar ein Seminar für Journalisten, wie sie Manipulationsversuche durch PR und Politik erkennen können. Die Zahl der Anmeldungen wird womöglich etwas über den Zustand des Journalismus in Deutschland aussagen http://www.vszv.de/der-kritische-blick ). Aber mir fehlen die Ressourcen und das Expertenwissen einer guten Redaktion, immer und überall allem nachzurecherchieren.
Journalisten tragen für mich die Informationen zusammen, ordnen sie und garantieren ein gewisses Maß an Zuverlässigkeit. Robert Basic hat in einem Streitgespräch mit mir behauptet, inzwischen 60 Prozent seiner Informationen aus nicht-journalistischen Quellen zu bekommen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Robert Basic hat sehr eingeschränkte Interessen oder seine Angabe stimmt nicht. Oder informiert er sich über den nordkoreanischen Diktatorenmachtwechsel aus irgendwelchen Blogs und Tweets, über die Lage in Kirgistan, die neuesten Konjunkturzahlen, den G-20-Gipfel? Überprüft er die Zuverlässigkeit diese Quellen? Wie findet er sie? Wie erfährt er überhaupt, dass in Nordkorea etwas im Gange ist?
Wie gesagt, bis vor kurzem war ich mir sicher: Diese Arbeit will ich nicht selbst machen. Ich lege sie in die Hände von erfahrenen Journalisten, die das gelernt habe. Aber seit „Vapiano“ zweifle ich…
Irgendwo erinnere ich mich gelesen zu haben (Achtung, jetzt kommt eine ungeprüfte Information), dass es in Großbritannien zeitweise ein Restaurant gab, wo die Gäste nicht nur die Aufgabe der Kellner übernehmen, sondern auch noch selber kochen sollten (so wie ich bei Ikea ja auch schon selber kassieren soll). Leider bin ich zu wertkonservativ, diese Entwicklung für einen Fortschritt zu halten.
In diesem Falle verzichten sie darauf, sich bedienen zu lassen, sondern stellen sich lieber (bei gleichen Preisen!) in eine lange Schlange und warten in einer unkommunikativen Situation auf ihr Essen.
In einem normalen Restaurant könnten sie schon bequem sitzen und sich mit Freunden unterhalten.
Sollte es mit journalistischen Dienstleistungen genauso kommen? Wollen die Menschen vielleicht gar nicht, dass Journalisten ihnen dabei behilflich sind, die Informationsflut zu bewältigen. Wollen sie alles selber machen – und wenn ja, um Himmels willen, wieso?
Ja, ich bin in diesem Falle wertkonservativ, um eine Charakterisierung von Caspar Clemens Mierau aufzugreifen, die er in einer Besprechung meines Buches „Dumm 3.0“ ( http://bit.ly/96HXFN ) gebraucht hat. Ich fände es schade, wenn die Berufe des Kellners und des Journalisten verschwänden und durch Essensausgeber, Kassierer am Restaurantausgang, durch Inhalteausgeber und Contentmarketingverkäufer ersetzt würden.
Vor allem halte ich es für naiv zu glauben, die Restaurantgäste und die Informationsinteressierten gewönnen durch die neue Situation an Selbstbestimmung, weil sie nicht mehr der Macht von Kellnern und Journalisten ausgesetzt seien. Sie bleiben in beiden Fällen weiterhin Teil eines kommerziellen Systems, hinter dem Macht- oder Profitinteressen stehen.
Für ebenso naiv halte ich zu meinen, wir hätten es im Netz mit einem Ende der Hierarchiestrukturen zu tun. Es wechseln im Zweifel nur die Hierarchen – von den Medienzaren zu den Steve Jobs, Mark Zuckerbergs und den Herren von Google. Das Selbstbild des kleinen Bloggers, der sich nun genauso mächtig fühlt wie Rupert Murdoch ist ein Kindertraum. Im Zweifel dreht ihm Apple einfach den App ab...
Diesem Unbehagen und diesem Widerspruch gegen die Internetapologeten, die das Reich der Freiheit und Selbstbestimmung im Netz heraufdämmern sehen, habe ich in einem feuilletonistischen Thesenbuch Ausdruck verliehen. Es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Werk, weshalb es auch keine Fußnoten gibt (was aber nicht heißt, dass ich die Quellen nicht geprüft hätte). Die Form ist meines Erachtens völlig legitim und hat eine gute Tradition.
Die Glaubwürdigkeit eines Textes wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass er sich zur Auflockerung einiger Anekdoten bedient (wer das behauptet, hat noch niemals eines dieser hervorragenden angelsächsischen populärwissenschaftlichen Bücher gelesen). Einen anschaulichen Stil, indem das Thema und die Thesen präsentiert werden, wäre wirklich das Allerletzte, was ich einem Blogger vorwürfe.
Populäre Thesenbücher und wissenschaftliche Werke sind zwei gleich berechtigte, aber unterschiedliche Formen. Dies nicht zu würdigen, ist übrigens auch der Fehler, den Jürgen Fenn macht, wenn er Frank Schirrmachers „Payback“ mit einem kommunikationswissenschaftlichen Werk mit dem sperrigen, wenig einladenden Titel „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten im Web 2.0“ vergleicht ( http://bit.ly/d538uq ).
So wie ich nichts gegen die Restaurantkette „Vapiano“ habe (das Essen dort ist wirklich gut), habe ich auch nichts gegen Blogs an sich. Bestimmte Vorwürfe habe ich übrigens in diesem Zusammenhang nie erhoben. Zum Beispiel wird in einigen Blogs zwar ein rauer Umgangston gepflegt (Ich zitiere unter anderen Don Alphonso), aber gerüpelt und krakelt, verleumdet und beleidigt wird hauptsächlich von anonymen Nutzern in den Kommentarspalten.
Blogs können eine nützliche und interessante Ergänzung zum nachrichtlichen Informationsangebot sein, so sie gewisse Qualitätsstandards erfüllen. Wenn sie diese Standards erfüllen, würde ich Blogs sogar zum Journalismus zählen. Ich habe in meinem Buch in einem langen Kapitel diese Standards beschrieben und sowohl den bestehenden Journalismus als auch die real existierende Blogwelt daran gemessen. Beide haben ohne Zweifel noch ihre Mängel.
Für ein sehr schwerwiegendes Problem halte ich es allerdings in der Tat, wenn es keinen Journalismus mehr geben sollte, weil er von Blogs und kostenlosem Content verdrängt wurde. Das ist die zentrale These von „Dumm 3.0“. Dabei ergibt sich überhaupt kein Widerspruch zu einem aufklärerischen Grundanliegen: Ich traue den meisten Menschen in der Tat zu (oder erhoffe es mir zumindest), sich auf der Grundlage von vertrauenswürdigen Informationen ein eigenes Urteil zu bilden.
Ich glaube deshalb, dass Journalisten ihre Arbeit gut machen müssen, um diese vertrauenswürdigen Informationen zu beschaffen. Ich bezweifle aber sehr, dass sehr viele Menschen Lust, Fähigkeit und Ressourcen haben, die Vertrauenswürdigkeit der Information in jedem Einzelfall selbst zu prüfen. Ich jedenfalls habe das nicht.
Ich schalte meinen kritischen Verstand bei der Lektüre von journalistischen Produkten sicherlich nicht aus und bin mir der Vielfalt der Manipulationsmöglichkeiten bewusst (demnächst gebe ich sogar ein Seminar für Journalisten, wie sie Manipulationsversuche durch PR und Politik erkennen können. Die Zahl der Anmeldungen wird womöglich etwas über den Zustand des Journalismus in Deutschland aussagen http://www.vszv.de/der-kritische-blick ). Aber mir fehlen die Ressourcen und das Expertenwissen einer guten Redaktion, immer und überall allem nachzurecherchieren.
Journalisten tragen für mich die Informationen zusammen, ordnen sie und garantieren ein gewisses Maß an Zuverlässigkeit. Robert Basic hat in einem Streitgespräch mit mir behauptet, inzwischen 60 Prozent seiner Informationen aus nicht-journalistischen Quellen zu bekommen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Robert Basic hat sehr eingeschränkte Interessen oder seine Angabe stimmt nicht. Oder informiert er sich über den nordkoreanischen Diktatorenmachtwechsel aus irgendwelchen Blogs und Tweets, über die Lage in Kirgistan, die neuesten Konjunkturzahlen, den G-20-Gipfel? Überprüft er die Zuverlässigkeit diese Quellen? Wie findet er sie? Wie erfährt er überhaupt, dass in Nordkorea etwas im Gange ist?
Wie gesagt, bis vor kurzem war ich mir sicher: Diese Arbeit will ich nicht selbst machen. Ich lege sie in die Hände von erfahrenen Journalisten, die das gelernt habe. Aber seit „Vapiano“ zweifle ich…
Irgendwo erinnere ich mich gelesen zu haben (Achtung, jetzt kommt eine ungeprüfte Information), dass es in Großbritannien zeitweise ein Restaurant gab, wo die Gäste nicht nur die Aufgabe der Kellner übernehmen, sondern auch noch selber kochen sollten (so wie ich bei Ikea ja auch schon selber kassieren soll). Leider bin ich zu wertkonservativ, diese Entwicklung für einen Fortschritt zu halten.
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Mittwoch, 31. März 2010
Eine Antwort auf Christoph Bauer (bei Klaus Eck)
klardeutsch, 11:42h
http://bit.ly/Pu4yw
Lieber Herr Bauer,
es ist ja ein beliebter Trick, schwache Argumente selbst zu fabrizieren, sie dann jemandem unterzuschieben und dann zu wiederlegen.
Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, das Cover meines Buches so schön groß abgebildet zu haben. Noch mehr hätten es mich gefreut, Sie wären auf seinen Inhalt eingegangen.
Der Vorwurf der kulturkritischen Haltung gegen neue Medien ist mir durchaus bewusst. Deshalb gehe ich von Seite 11 bis Seite 15 am Beispiel von Sokrates Schriftkritik darauf ein. Von Seite 40 bis 42 greife ich das Eisenbahnbeispiel auf.
Können wir uns nicht darauf einigen, dass zum Beispiel das Fernsehen in der Tat AUCH negative Auswirkungen hat? Das Fernsehen hat unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit, unser Freizeitverhalten, unseren Umgang miteinander, die Kommunikation zwischen Menschen und sogar die Gehirnentwicklung von Kleinkindern beeinflusst - und nicht ausschließlich zum Guten. Mit anderen Worten: Völlig falsch lagen die Kulturkritiker damals nicht.
Man kann übrigens auch Gegenbeispiele finden, bei denen die Kritiker Recht behielten: Diejenigen, die in den 1960er Jahren an der Seite des Fortschritts standen, waren selbstverständlich für die friedliche Nutzung des Kernenergie. Kritiker galten damals als technikfeindliche Miesmacher. Und heute?
Ich habe auch nie behauptet, dass einzelne Menschen sich nicht ändern. Sondern dass "der Mensch" sich nicht ändert. Dafür ist dem homo sapiens sein evolutionäres Programm viel zu sehr eingeschrieben.
Wenn Sie das anders sehen und den Eindruck haben, der Mensch sei heute grundgütiger als vor - sagen wir- 3000 Jahren, dann haben wir in der Tat einen Dissens.
@mavridis Ich behaupte auch an keiner Stelle, dass sich das Internet nicht durchsetzen werde. Das wäre nicht nur eine Fehlprognose, es wäre Blödsinn. Das Internet hat sich durchgesetzt.
Dem Thema Medienkompetenz widme ich übrigens ein ganzes Kapitel (S. 147 bis 161).
Lieber Herr Bauer,
es ist ja ein beliebter Trick, schwache Argumente selbst zu fabrizieren, sie dann jemandem unterzuschieben und dann zu wiederlegen.
Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, das Cover meines Buches so schön groß abgebildet zu haben. Noch mehr hätten es mich gefreut, Sie wären auf seinen Inhalt eingegangen.
Der Vorwurf der kulturkritischen Haltung gegen neue Medien ist mir durchaus bewusst. Deshalb gehe ich von Seite 11 bis Seite 15 am Beispiel von Sokrates Schriftkritik darauf ein. Von Seite 40 bis 42 greife ich das Eisenbahnbeispiel auf.
Können wir uns nicht darauf einigen, dass zum Beispiel das Fernsehen in der Tat AUCH negative Auswirkungen hat? Das Fernsehen hat unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit, unser Freizeitverhalten, unseren Umgang miteinander, die Kommunikation zwischen Menschen und sogar die Gehirnentwicklung von Kleinkindern beeinflusst - und nicht ausschließlich zum Guten. Mit anderen Worten: Völlig falsch lagen die Kulturkritiker damals nicht.
Man kann übrigens auch Gegenbeispiele finden, bei denen die Kritiker Recht behielten: Diejenigen, die in den 1960er Jahren an der Seite des Fortschritts standen, waren selbstverständlich für die friedliche Nutzung des Kernenergie. Kritiker galten damals als technikfeindliche Miesmacher. Und heute?
Ich habe auch nie behauptet, dass einzelne Menschen sich nicht ändern. Sondern dass "der Mensch" sich nicht ändert. Dafür ist dem homo sapiens sein evolutionäres Programm viel zu sehr eingeschrieben.
Wenn Sie das anders sehen und den Eindruck haben, der Mensch sei heute grundgütiger als vor - sagen wir- 3000 Jahren, dann haben wir in der Tat einen Dissens.
@mavridis Ich behaupte auch an keiner Stelle, dass sich das Internet nicht durchsetzen werde. Das wäre nicht nur eine Fehlprognose, es wäre Blödsinn. Das Internet hat sich durchgesetzt.
Dem Thema Medienkompetenz widme ich übrigens ein ganzes Kapitel (S. 147 bis 161).
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